Hebel-ETFs: Doppelt hält nicht immer besser
Die Idee hinter gehebelten ETFs ist so einfach wie verlockend: Wer von steigenden Märkten überzeugt ist, kauft nicht den Index, sondern gleich dessen zwei- oder dreifache Bewegung. Nach dem Kauf stehen jedoch viele Anleger vor einem Ergebnis, das sie sich nicht erklären können. Denn zweifach gehebelte Produkte liefern nicht die Verdopplung der Rendite, sondern jene der täglichen Bewegung. Wer das übersieht, kann mit der Marktprognose recht behalten und trotzdem Geld verlieren.
Dreifache Rendite – zumindest für einen Tag
Das Interesse an gehebelten ETFs hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Allein der dreifach gehebelte Nasdaq-100-ETF von ProShares hat ein verwaltetes Vermögen von über 35 Milliarden US-Dollar und ist damit der grösste seiner Art. Mehr als 1000 neue ETFs wurden dieses Jahr bereits aufgelegt – mehr als ein Viertel davon waren gehebelte Produkte. Die zugrundeliegende Konstruktion ist im Kern einfach: Ein gehebelter oder «leveraged» ETF hält nicht einfach den Basiswert, sondern baut über Swaps und Futures zusätzliches Markt-Exposure auf. Beworben werden die Produkte mit zwei- oder dreifachen Tagesrenditen, was für einen einzelnen Handelstag grundsätzlich auch funktioniert. Der Mechanismus dahinter steht im Kleingedruckten: Jeden Abend wird der Hebel nach Börsenschluss auf sein Zielverhältnis zurückgesetzt. Damit muss der ETF nach einem guten Tag zusätzliches Exposure kaufen, analog dazu nach einem schlechten Tag reduzieren. Vereinfacht gesagt: Kaufen, wenn die Preise gestiegen sind und verkaufen, wenn sie gefallen sind – nicht aufgrund eines Fehlers, sondern von Konstruktion wegen.
Lange waren solche Produkte ein Nischenangebot für breite Indizes wie den Nasdaq-100. Mittlerweile werden auch einzelne Aktien wie Nvidia, Tesla oder SK Hynix gehebelt. Der Hebel wirkt dabei immer nur für einen Tag. Steigt die Aktie um 2%, gewinnt der zweifache ETF 4%. Über einen Monat oder ein Jahr geht diese Rechnung jedoch nicht mehr auf, weil jeder Tag auf dem Ergebnis des vorangegangenen aufbaut. Das Ergebnis weicht dann oft deutlich von der einfachen Multiplikation ab. Besonders stark trifft das Einzelaktien. Eine einzelne Aktie schwankt in der Regel deutlich stärker als ein breiter Index, Unternehmensmeldungen oder Quartalszahlen sorgen regelmässig für Kurssprünge. Je stärker der Basiswert schwankt, desto stärker belastet der tägliche Reset die langfristige Rendite.
Die Tücken der Volatilität
Besonders deutlich wird dies an folgendem Beispiel: Angenommen ein Index fällt 10% an einem Tag, gewinnt 11.1% am darauffolgenden Tag und steht damit wieder genau dort, wo er angefangen hat. Der dreifach gehebelte ETF verliert zunächst 30% und steigt dann um 33.3% und notiert am Ende bei 93.3. Obwohl der Markt nichts verloren hat, verbucht der Anleger ein Minus von knapp sieben Prozent.
Dieser Effekt ist als «Volatility Drag» bekannt. Schwankt der Basiswert stark um einen nur schwachen Trend, belastet die tägliche Neuausrichtung die längerfristige Rendite. Je höher Volatilität und Hebel, desto grösser ist die Belastung. Ein gehebelter ETF ist demnach nicht einfach eine Wette auf die Marktrichtung. Er ist zugleich eine Wette gegen Marktschwankungen – nur steht das selten auf dem Beipackzettel. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass es sich dabei nicht um ein theoretisches Problem handelt: Gemäss einer Morningstar-Auswertung vom September 2026 haben 24% aller in den USA vor über drei Jahren lancierten Hebel-ETFs mittlerweile über 90% ihres Wertes eingebüsst.
Zwei Märkte können nach drei Jahren exakt dieselbe Rendite vorweisen. Der eine hatte ein stetiges Wachstum, der andere ist zwischendurch eingebrochen und wieder gestiegen. Für einen herkömmlichen ETF spielt das keine Rolle, das Ergebnis ist weitgehend identisch. Bei einem gehebelten ETF können zwischen diesen Verläufen Welten liegen. Denn wichtig ist nicht nur, welches Ergebnis ein Markt erzielt, sondern auch wie es dazu kam. Doch wer eine Marktprognose abgibt, hat meist nur das Ziel im Sinn.
Der Index tritt auf der Stelle | Der Hebel nicht
Index ohne Hebel sowie zwei- und dreifach gehebelt, indexiert auf 100
Quelle: Eigene Berechnung, Kaiser Partner Privatbank
Ein Fall für die Börsenaufsicht
Wie das Zusammenspiel aus Hebel und volatilen Einzelaktien im Extremfall aussieht, wurde in diesem Sommer in Südkorea deutlich. Hunderttausende Anleger kauften zweifach gehebelte ETFs auf die heimischen Chipaktien, mitunter sogar auf Kredit. Das Resultat waren Margin Calls und aufgelöste Depots. Im Juli zog die Finanzmarktaufsicht die Reissleine: Ein vorläufiger Stopp für neue Einzelaktienprodukte, erhöhte Mindesteinlagen für Privatanleger, und wer weiterhin handeln will, muss erst die Schulbank drücken und einen Kurs in Sachen Risk-Management belegen.
Auch in den USA wird diskutiert, wie weit die Regulierung gehen soll. Produkte mit dreifachem Hebel auf breite Indizes und einzelne Sektoren sind dort bereits seit Jahren erhältlich. Umstritten ist anderes: Einzelaktien mit mehr als dem zweifachen Hebel, und Faktoren von vier oder fünf, wie sie Anbieter zuletzt auf einzelne Technologiewerte und auf Kryptowährungen beantragt haben. Im Dezember 2025 teilte die SEC den Anbietern mit, dass sie die Prüfung von solchen Produkten vorerst aussetze.
Aus diesem Grund wird mittlerweile auch versucht, die Frequenz zu erhöhen: Im Spätsommer 2026 reichte ein Anbieter ein Filing für mehrere Hebel-Resets pro Tag ein, statt wie bisher nur einem am Tagesende. Befürworter sehen darin eine Innovation. Kritiker sehen darin die Umgehung einer Grenze, die nicht grundlos gezogen wurde.
In Europa ist die Debatte fürs Erste entschärft, da gehebelte UCITS-Fonds faktisch auf den zweifachen Hebel begrenzt sind. Wer mehr will, landet bei Schuldverschreibungen – und damit bei zusätzlichem Emittentenrisiko.
Wenn der Hebel funktioniert
So weit die Schattenseite. Der gleiche Mechanismus, der in volatilen Märkten Substanz vernichtet, kann in stetigen Wachstumsmärkten jedoch in die andere Richtung zeigen. Wenn ein Markt über einen längeren Zeitraum ruhig steigt, zahlt sich der Hebel aus. Das lässt sich ebenso einfach rechnen wie der umgekehrte Fall: Legt ein Index zwanzig Tage in Folge um je 1% zu, steht er am Ende 22% höher. Das dreifach gehebelte Produkt gewinnt in der gleichen Zeit nicht 66%, sondern 81%. Das Ergebnis kann entsprechend die eigentliche Hebel-Multiplikation sogar übertreffen – der tägliche Reset wird vom Feind zum Freund.
Wer gehebelte ETFs kauft, handelt nicht zwingend naiv. Wer auf einen kurzfristigen Kursanstieg setzen möchte, kann sich mit solchen Produkten dem zwei- oder dreifachen Marktrisiko aussetzen, ohne ein Margin-Konto eröffnen oder einen Kredit aufnehmen zu müssen. Zudem: Wer den ETF ohne zusätzlichen Kredit kauft, kann grundsätzlich nicht mehr als den investierten Betrag verlieren, einen Nachschuss kann die Position selbst nicht auslösen. Für eine kurze Haltedauer können gehebelte ETFs durchaus sinnvoll sein – vorausgesetzt der Anleger versteht das Instrument und überwacht die Position entsprechend.
Beide Seiten des Hebels |Von Freund zu Feind und zurück
Nasdaq-100 und dreifach gehebeltes Nasdaq-100-ETP, indexiert auf 100 per 1. Januar 2021
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Was Anleger beachten sollten
Als langfristiger Ersatz für herkömmliche ETFs eignen sich gehebelte Produkte nicht. Hält man sie länger, weicht man von der zugrundeliegenden Logik ab. Das muss nicht zwingend schiefgehen, es ist jedoch nicht, wofür das Instrument gebaut wurde.
Als taktisches Werkzeug haben sie sicherlich ihre Funktion: Für Anleger, die ihre kurzfristigen Ansichten umsetzen wollen, ihre Positionen täglich überwachen und einen potentiellen Totalverlust verkraften können, können die Produkte durchaus gewinnbringend sein. Wer auf der anderen Seite langfristig mehr Marktrisiko tragen will, steht mit einem Lombard-Kredit meist besser da. Der Hebel gehört dann ins Portfolio, nicht ins Produkt. Dort kann er verwaltet werden, ohne sich jeden Abend neu erfinden zu müssen.

Oliver Hackel, CFA
Head of Private Markets & Liquid Alternatives
