2018 vs. 2020 – (Finanz)Geschichte wiederholt sich nicht
Nach sehr erfreulicher Entwicklung im vergangenen Jahr sind die Aktienmärkte auch in die neue Dekade mit viel Schwung gestartet. Die Kursentwicklung zeigt erstaunliche Parallelen zu den Jahren 2017 und Anfang 2018. Es gibt allerdings auch – wesentliche – Unterschiede.
«Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich». Dieser irrtümlich Mark Twain zugeschriebene Satz gilt mit zuverlässiger Regelmässigkeit nicht nur in der Wirtschaftsgeschichte, sondern auch an den Finanzmärkten. Immer wieder kommt es dort vor, dass die Preisentwicklung von Anlagen oder Finanzvariablen – seien es Aktien, Währungen oder Zinsen – starke Parallelen zu früheren Zeiten aufweisen. Gerne werden die aktuellen Entwicklungen in solchen Fällen dann entlang dem historischen «Vorbild» in die Zukunft projiziert – solange bis es nicht mehr funktioniert. Und spätestens dann stellt sich heraus, dass Korrelation nicht Kausalität impliziert und die ähnlich aussehenden Kursverläufe in der Regel ganz anderem fundamentalen Boden entwachsen sind.
Auch heute – nach rund sechs Wochen im Anlagejahr 2020 – besteht unter Investoren wieder eine gewisse Verlockung mit einer historischen Schablone zu hantieren, beziehungsweise zu argumentieren. Verglichen wird dabei die Entwicklung am US-Aktienmarkt in den vergangenen 14 Monaten mit den Jahren 2017 und 2018. Damals wie heute legte der S&P500-Index für die 500 grössten US-Aktien zunächst eine starke Rally von mehr als 20% aufs Parkett. Diese setzte sich anfangs 2018 nahtlos – und in einigen Marktsegmenten gar exponentiell – fort. Bis ab Februar 2018 dann eine heftige Korrektur einsetzte. Der Einbruch von gut 10% innerhalb von nur zwei Wochen überraschte dazumal viele Investoren auf dem falschen Fuss. Insbesondere jene, die sich an die stetige Aufwärtsbewegung gewöhnt hatten und auf anhaltend tiefe Volatilität spekulierten. Würde die Analogie der Preisentwicklung zwischen den Episoden 2017/2018 und 2019/2020 bestehen bleiben, so wäre in diesen Tagen wieder mit einer Kehrtwende der Kurse nach unten zu rechnen.
Immer wieder kommt es dort vor, dass die Preisentwicklung von Anlagen oder Finanzvariablen starke Parallelen zu früheren Zeiten aufweisen.
Tatsächlich haben die Schwankungen an den Aktienmärkten Anfang des Monats spürbar zugenommen. Auslöser dafür war der Ausbruch des Corona-Virus in China, der bei Anlegern derzeit Konjunktursorgen heraufbeschwört. Wiederholt sich die Geschichte diesmal doch? Auch im aktuellen Beispiel ist dies unserer Meinung nach unwahrscheinlich, denn die makroökonomischen Rahmenbedingungen gestalten sich heutzutage ganz anders als zu Beginn des Jahres 2018. So war die US-Notenbank Fed damals bereits seit über zwei Jahren dabei die Leitzinsen Schritt für Schritt zu erhöhen. Und seit Herbst 2017 sorgte sie mittels der Verkürzung ihrer Bilanz («Quantitative Tightening») zudem dafür, dass den Finanzmärkten langsam aber stetig die Liquidität entzogen wurde. Die restriktiver werdende Geldpolitik der Fed führte über das gesamte Laufzeitenspektrum zu steigenden Zinsen. Die Rendite 2-jähriger US-Staatsanleihen beispielsweise vervierfachte sich ab Mitte 2016 und stieg bis Januar 2018 von 0.5% auf 2%. Im Gegensatz dazu befanden sich die Zinsen im letzten Jahr mit Unterbrechungen in einem stetigen Abwärtstrend. 2019 hat die Fed dreimal die Zinsen gesenkt und seit ein paar Monaten kauft die Notenbank in den USA sowohl kurz- als auch langfristige Staatsanleihen um den US-Banken genügend Liquidität zur Verfügung zu stellen und die langfristigen Zinsen zu drücken. Von Seiten der Geldpolitik gibt es für Aktien derzeit – anders als damals – keinen Gegenwind.
(K)ein Fahrplan für 2020?
Verschiedene Rahmenbedingungen bedeuten unterschiedliche Perspektiven
S&P500-Index, 2-jährige US-Renditen und Volatilitätsindex (VIX) 2017/2018 und 2019/2020
Auch in Bezug auf die Konjunkturentwicklung rund um den Globus stehen wir derzeit an einem anderen Punkt. Anfang 2018 notierte etwa der globale Einkaufsmanagerindex – ein wichtiger Indikator für die Stimmung in den Chefetagen der Unternehmen – mit 54.4 Punkten auf dem höchsten Stand seit sieben Jahren. Er signalisierte damit fast schon Euphorie – und markierte gleichzeitig einen zyklischen Hochpunkt, vom dem es ausgehend fast nur abwärtsgehen konnte. Dies tat es dann auch. Heute – zwei Jahre später – sind wir nahezu mit der spiegelbildlichen Situation konfrontiert: Die Konjunkturvorlaufindikatoren zeigen eine Stabilisierung auf tiefem Niveau und sollten sich tendenziell weiter erholen. Für die Aktienmärkte wäre dies eine zusätzliche Unterstützung. Eine Unbekannte sind in diesem Zusammenhang die Auswirkungen der Epidemie in China. Sollte das Negativszenario aber ausbleiben und die Gesundheitskrise unter Kontrolle gebracht werden, dann sollten sich die Auswirkungen auf das globale Wachstum im Rahmen halten. Und selbst in China dürfte auf ein schwaches erstes Quartal eine Gegenbewegung in den Folgequartalen folgen, in der ein Teil der Wachstumseinbussen wieder gutgemacht wird. Dies auch weil die chinesische Regierung zu ihrer Allzweckwaffe greifen wird: der Stimulierung der Wirtschaft mittels Geld- und Fiskalpolitik.
Die mittelfristige Perspektive für Aktien bleibt somit konstruktiv. Eine Wiederholung des Jahres 2018, das Aktienanlegern in der Endabrechnung zweistellige Kursverluste bescherte, ist aufgrund der positiven Rahmenbedingungen weniger wahrscheinlich. In der kurzen Frist sieht es jedoch anders aus. Denn mindestens eine Gemeinsamkeit gibt es zwischen dem Februar 2020 und Februar 2018 dann doch: die Stimmung der Investoren. Nach wochen- und monatelangem Aufwärtstrend ist diese inzwischen positiv bis euphorisch. Eine unmittelbare Fortsetzung der Kursavancen erscheint mit Blick auf das Sentiment zumindest limitiert. Fazit: Auch diesmal wird sich die Geschichte nicht wiederholen. Und reimen könnte sie sich höchstens in Ansätzen. Kurzfristig könnte die Volatilität an den Aktienmärkten erhöht bleiben. Längerfristig hat die Anlageklasse aber weiterhin Rückenwind.