Die Welt nach COVID-19
Das Coronavirus wird uns dieses Jahr nicht mehr verschonen. Doch selbst wenn die Pandemie in 12 bis 18 Monaten überstanden sein dürfte, werden uns viele der durch das „Social Distancing“ bedingten Verhaltensweisen erhalten bleiben. Wer sich daran gewöhnt hat von zu Hause zu arbeiten, den Wochenendeinkauf online zu erledigen und den Kinoabend mit Netflix zu verbringen, der dürfte dies auch zukünftig tun (wollen). Wie bei jedem strukturellen Wandel wird es auch in der Welt nach COVID-19 Verlierer und Gewinner geben. Zu den grössten Verlierern dürften Büro- und Geschäftsimmobilien sowie der Markt für Businessreisen gehören. Zu den klaren Gewinnern zählt hingegen der Technologiesektor – in welchem die Kaiser Partner Privatbank AG auch eine dezidierte Aktienstrategie anbietet.
Ein Gezeitenwechsel
Das Coronavirus hat die Welt seit Februar auf den Kopf gestellt. Rund um den Globus waren die Menschen zeitweise gezwungen zu Hause zu bleiben und Unternehmen mussten in Windeseile auf „remote“ umstellen – „Social Distancing“ gehört mittlerweile in unseren Sprachschatz. Einige Bereiche wie das Online-Shopping oder Anbieter von Videokonferenz-Software verzeichneten teils rasante Umsatzsprünge. Doch wie viele der mitunter erzwungenen (Verhaltens)änderungen sind permanent? Und wie sollten sich Anleger positionieren um von den Trends in den am stärksten vom Wandel betroffenen Branchen zu profitieren?
Wenn die Jagd nach einem Impfstoff gegen COVID-19 erfolgreich verläuft, könnte die Pandemie in 12 bis 18 Monaten Vergangenheit sein. Die Besorgnis vor einer weiteren Corona-Welle oder einem neuen Virus und einer erneuten Epidemie dürfte zwar nicht so schnell verschwinden. Und auch ein saisonales Wiederauftreten von COVID-19 ist derzeit nicht auszuschliessen. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Eher früher als später dürften sich die Menschen daher wieder in überfüllten Räumen bewegen und reisen. Doch nicht alles wird zum status quo ante zurückkehren. Wer sich daran gewöhnt hat von zu Hause zu arbeiten, den Wochenendeinkauf online zu erledigen und den Kinoabend mit Netflix zu verbringen, der dürfte dies auch zukünftig tun (wollen). Unternehmen dürften ihre Anstellungsbedingungen feinschleifen und ihre Lieferketten überprüfen. Auch Themen wie Gesundheitssicherheit und Bildung dürften überdacht werden. Keiner dieser Trends ist neu. Tatsächlich sind beispielsweise E-Commerce, Heimarbeit und das sogenannte „Re-Shoring“ schon seit Jahren stetig am Wachsen. „Corona“ dürfte diese strukturellen Veränderungen aber nachhaltig beschleunigen.
„Corona-Fakten“ und Implikationen
Home Office
Heimarbeit ist technisch schon seit Langem möglich. Gemäss einer Studie von J. Dingel und B. Neiman könnten 37% aller Jobs in den USA komplett von zu Hause aus erledigt werden. Dazu gehört unter anderem der grösste Teil der Jobs in den Bereichen Bildung und Finanzen sowie generell in Managementfunktionen. In der Schweiz könnten demnach gar rund 45% aller Berufe im Home Office ausgeführt werden. Die Praxis sah vor der Pandemie jedoch anders aus, denn für viele Unternehmen war Heimarbeit bis dahin keine Option. Aufgrund von COVID-19 musste sich dies schlagartig ändern. Auf dem Höhepunkt der Krise arbeiteten in einigen Industrieländern tatsächlich mehr als ein Drittel aller Angestellten von zu Hause aus. In den Niederlanden und Finnland waren es gar mehr als 50%. Die Vorteile des Home Office scheinen auf der Hand zu liegen: weniger Meetings, weniger Ablenkung und höhere Produktivität. Im Idealfall gewinnt der Angestellte an Lebensqualität und Autonomie während das Unternehmen zufriedenere Mitarbeiter hat und gleichzeitig an Bürofläche einsparen kann. Heimarbeit hat allerdings auch „Kosten“. Der (informelle) Austausch zwischen den Mitarbeitern leidet und die spontane (Geschäfts)idee am Kaffeeautomaten gibt es in der virtuellen Welt eher selten. Die Abgrenzung zwischen Privat- und Arbeitsleben wird möglicherweise noch schwieriger. Insgesamt überwiegen die Vorteile aber relativ deutlich. Viele Unternehmen werden ihre Anstellungsbedingungen entsprechend anpassen (oder haben dies bereits getan). Mobiles Arbeiten dürfte auch nach der Pandemie vielerorts ein normaler Teil des Arbeitsalltags werden.
Neue Normalität?
Home Office ist keine Fantasie (mehr)
Anteil der Jobs, die von zu Hause erledigt werden können
Quellen: „How many jobs can be done at home?” (J. Dingel / B. Neiman), Kaiser Partner Privatbank“
Online Shopping
E-Commerce ist seit Jahren ein Wachstumsmarkt. In den USA wuchs der Onlinehandel zuletzt Jahr für Jahr um rund 15% und machte zuletzt 16% am gesamten Einzelhandel aus. In China beträgt sein Anteil gar bereits ein Viertel. Die Pandemie führte in den letzten Monaten nun zu einem riesigen Wachstumsschub. Während die Umsätze im stationären Handel sanken, boomte der Einkauf vom PC aus. Neben Kleidung kauften die Menschen nun auch vermehrt Möbel, Heimwerkermaterial und Lebensmittel über das Internet, genauso wie das gelieferte Mittagsmenü. Gemäss jüngsten Daten des US-Wirtschaftsministeriums wuchsen die Umsätze im Onlinehandel im zweiten Quartal rasante 44% im Vergleich zum Vorjahr. Werden die Konsumenten nach „Corona“ einfach zu ihren alten Gewohnheiten zurückkehren? So mancher dürfte wohl auch in Zukunft Gefallen daran finden zum Handy zu greifen um noch schnell den Kühlschrank zu füllen oder das Abendessen zu bestellen. Und weitere Veränderungen sind beim Thema Einkaufen wahrscheinlich. Viele kleinere Einzelhändler haben pandemiebedingt erstmals den Gang ins Internet gewagt und dessen Macht entdeckt. In Zukunft dürften sie im Wettbewerb mit Amazon & Co. besser bestehen. Auch der Einkauf beim Laden um die Ecke oder direkt beim Produzenten (oder beim Bauer) erlebt ein Revival – mehr lokal statt global lautet das Motto. Das Bargeld hingegen hat weiter an Zuspruch verloren. Der Trend hin zum kontaktlosen Bezahlen dürfte sich weiter beschleunigen.
Grosser Umsatzsprung
COVID-19 gibt dem Onlinehandel einen Schub
Umsatzwachstum im US-Onlinehandel, in %
Quellen: Commerce Department, Kaiser Partner Privatbank
Und noch mehr online…
Nicht nur das Einkaufen musste aufgrund von COVID-19 zumindest zum Teil ins Internet verlegt werden. Auch die Teambesprechung wurde nun oft nicht mehr im Büro, sondern per Videokonferenz abgehalten. Eine Reihe weiterer Aktivitäten wanderten ebenfalls massenweise ins Internet: die Schule, der Besuch beim Arzt, Konzerte und gar Sportveranstaltungen. Letztere werden sich die Menschen demnächst wohl wieder lieber „live“ anschauen wollen. Das Online-Studium dürfte in Zukunft aber einen weiteren Schub erhalten. Das Wachstumspotenzial ist in diesem Bereich riesig. Ähnliches gilt für die Telemedizin. Ärzte dürften die höhere Effizienz des Praktizierens via Internet schätzen lernen, zumindest für viele relativ einfache Erstdiagnosen. Und (ältere) Patienten dürften sich den mühsamen Gang zur Arztpraxis oft sparen wollen.
COVID-19 ihre eigene Bevölkerung und zwangen die US-Regierung zu (teuren) Notfall-Deals. Spätestens wenn die Gesundheitskrise Geschichte ist, müssen sich einige Unternehmenslenker fragen ob es weiterhin richtig ist, dass sie zwar über viel intellektuelle Kapital verfügen, die Produktion aber oft rund um den Globus verstreut ist. Was wenn es eine neue Pandemie gibt, bei einer Naturkatastrophe oder wenn der Konflikt zwischen den USA und China ernsthaft eskaliert? Ein Umbau der komplexen Lieferketten wird nicht von heute auf morgen geschehen. Zumindest teilweise werden sich Unternehmen dafür entscheiden ihre Fabriken in Zukunft in den USA oder Europa zu bauen – hoch automatisiert und ermuntert (sowie finanziell unterstützt) von der Politik.
Reisen
Der Reisemarkt gehört eindeutig zu den am stärksten von „Corona“ gebeutelten Bereichen. Angefangen vom Reisebüro, über Hotels bis hin zu den Fluggesellschaften. Der weltweite Flugverkehr war zum Höhepunkt der Gesundheitskrise um bis zu 70% eingebrochen und befindet sich zuletzt noch immer nur bei circa 50% des Vorkrisenniveaus. Dass in Zukunft kaum noch jemand reisen möchte, ist allerdings höchst unwahrscheinlich. Ebenso wie der Mensch ein Gewohnheitstier ist, vergisst er auch schnell. Nach früheren Schocks für den globalen Tourismus wie 9/11 oder der SARS-Epidemie dauerte es jedoch zwei bis drei Jahre bis der Flugverkehr seinen Vorkrisen-Trend wieder aufnahm. Bei Geschäftsreisen könnte die Zukunft hingegen anders aussehen. Wer seine Produkte in den vergangenen Monaten auch per Videocall an Mann und Frau bringen konnte, dürfte auch zukünftig weniger Bedarf sehen, seine Kunden physisch zu treffen. Auch Konferenzen, Ausstellungen und andere Geschäftsveranstaltungen könnten demnächst vermehrt online abgehalten werden. Die Reisebudgets sind für viele Unternehmen ein gewichtiger Kostenblock und die Verfügbarkeit „virtueller“ Alternativen ein guter Grund um bei diesem einzusparen. Es benötigt nicht viel Fantasie um sich einen dauerhaften Rückgang bei Geschäftsreisen vorzustellen.
Tiefer Fall…
… und langsame Erholung
Weltweiter Flugverkehr
Quellen: OAG, Kaiser Partner Privatbank
Lieferketten und Versorgungssicherheit
Nicht nur in puncto Arbeitsort und Kommunikation dürften die Unternehmen in den USA und Europa umdenken. Die Pandemie hat ihnen auch aufgezeigt wie anfällig ihre komplexen Lieferketten sind. Öffentlicher und politischer Druck könnte sie dazu bewegen zumindest einen Teil der Produktion aus Übersee zurückzuholen („Re-Shoring“). Am augenfälligsten war die Verletzlichkeit der Lieferketten im Gesundheitssektor. Obwohl sich die Amerikaner dort weltweit mit Abstand die höchsten Ausgaben für Forschung und Entwicklung leisten, war es zu Beginn der Krise nicht möglich kritisches medizinisches Material wie Atemmasken, Test-Kits und Atemgeräte in genügender Menge zur Verfügung zu stellen. Dies hauptsächlich weil rund 70% der Produktion von essentiellen medizinischen Geräten oder Inhaltsstoffen aus Übersee stammt. Länder wie China und Indien priorisierten angesichts von COVID-19 ihre eigene Bevölkerung und zwangen die US-Regierung zu (teuren) Notfall-Deals. Spätestens wenn die Gesundheitskrise Geschichte ist, müssen sich einige Unternehmenslenker fragen ob es weiterhin richtig ist, dass sie zwar über viel intellektuelle Kapital verfügen, die Produktion aber oft rund um den Globus verstreut ist. Was wenn es eine neue Pandemie gibt, bei einer Naturkatastrophe oder wenn der Konflikt zwischen den USA und China ernsthaft eskaliert? Ein Umbau der komplexen Lieferketten wird nicht von heute auf morgen geschehen. Zumindest teilweise werden sich Unternehmen dafür entscheiden ihre Fabriken in Zukunft in den USA oder Europa zu bauen – hoch automatisiert und ermuntert (sowie finanziell unterstützt) von der Politik.
COVID-19-Verlierer…
Die beschriebenen sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen dürften Auswirkungen auf diverse Industrien und Branchen haben. Wie so oft gilt: Wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. Zu den wahrscheinlichsten Verlieren zählt der Markt für Büro- und Geschäftsimmobilien. Da sich der Trend zum Home Office beziehungsweise zum mobilen Arbeiten fortsetzen dürfte, wird die Nachfrage nach teuren Lagen inmitten der grossen Städte zurückgehen. In Manhattan kostete der Büroarbeitsplatz für einen Mitarbeiter vor der Krise im Schnitt zum Beispiel rund 20,000 US-Dollar pro Jahr – viel Geld, das sich durch verstärkten Wechsel hin zur Telearbeit einsparen liesse. Einige Banken wie Barclays haben bereits angekündigt, die Anzahl der Arbeitsplätze in den Finanzzentren reduzieren zu wollen. Auch im Einzelhandel wird eine weitere Abwanderung ins Internet auf die Preise für Ladenfläche drücken. Und schliesslich könnte auch die Nachfrage nach Wohnraum in den Premiumlagen der Städte längerfristig nachlassen – wer von zu Hause arbeitet, muss auch nicht mehr nahe beim Arbeitgeber wohnen. Immobilienentwickler, die bisher ausschliesslich auf die grossen Städte gesetzt haben, müssen umdenken. Ein dauerhafter Rückgang bei Geschäftsreisen würde auch die Fluggesellschaften hart treffen. Denn zwar werden nur rund 12% aller Flugtickets an die Business-(Viel-)Flieger verkauft, dennoch generieren diese bis zu 70% der Gewinne. Und es hängt noch viel mehr an den Geschäftsreisenden: Hotels, Restaurants, Autovermietungen und selbst AirBnB. Auch die Verlängerung des Business-Trips für private Zwecke wird seltener, wenn man gar nicht erst losfliegt, sondern vieles per Videokonferenz erledigt.
…und Gewinner
Das Stichwort „Videokonferenz“ liefert auch gleich einen der grossen Pandemie-Gewinner. Der Videokonferenz-Anbieter Zoom hat sich innerhalb kürzester Zeit vom Nischenplayer zum Mainstream entwickelt. Immer mehr Leute „zoomen“ – die Anzahl der Nutzer stieg von 10 Millionen im Dezember 2019 auf 300 Millionen im April. Und wer Sorgen betreffend der Datensicherheit hat, greift vielleicht zum Konkurrenzprodukt von Microsoft (MS Teams). Kommunikation, Home Office, Unterhaltung und vieles mehr – Technologie (im breiteren Sinne) wird in der Welt nach COVID-19 noch wichtiger. Daher sind die Geschäftsaussichten für Technologiekonzerne und die Kursperspektiven für deren Aktien weiterhin gut. Die Kaiser Partner Privatbank AG hat diesen Trend antizipiert und mit der dezidierten Aktienstrategie „Disruptive Technologies“ auch konkrete potenzielle Gewinner identifiziert. Auch wenn viele der „good news“ nach dem starken Lauf der jüngsten Zeit bereits eingepreist scheinen. Die Bewertung der Tech-Branche ist weit entfernt vom Blasenniveau zur Jahrtausendwende. Ganz im Gegenteil – Tech ist heutzutage nicht nur gleichbedeutend mit starkem Wachstum, sondern oft auch mit starken Bilanzen und hohen Gewinnen (zumindest bei den etablierten Unternehmen). Einen Favoritenwechsel weg von diesen „Growth-Aktien“ wird erst dann wahrscheinlich, wenn das versprochene Wachstum nicht mehr geliefert wird. Dies ist derzeit (noch) nicht in Sicht. Ein anderes Risiko stellt eine schärfere Regulierung dar, wie beispielsweise Gedankenspiele zur Aufspaltung von Google oder Amazon oder die Einführung einer globalen Besteuerung der Tech-Gewinne. Nichts davon ist aber unmittelbar in Aussicht. Gewinnen dürfte übrigens nicht nur Soft-ware. Auch handfeste technologische Hard-ware wird zukünftig noch mehr gefragt sein. Aus den Trends De-Globalisierung und Re-Industrialisierung folgt auch eine grössere Nachfrage nach Automatisierung und Robotik. Insbesondere die USA haben hier (gegenüber Südkorea, Deutschland und Japan) noch Nachholbedarf.
Immer noch nicht teuer
Bewertung der Technologiebranche im langfristigen Vergleich moderat
Kurs/Gewinn-Verhältnis der US-Technologiebranche
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank