Goldene Zeiten

Gold hat die Menschheit seit jeher fasziniert. Laut der griechischen Mythologie verwandelte König Midas schon in der Antike alles, was er berührte, in das gelbe Edelmetall. Und später bewog die legendäre goldene Stadt El Dorado die Spanier dazu, den Ozean zu überqueren – getrieben vom Traum nach unermesslichem Reichtum. Auch heute findet wieder ein Goldrausch statt. Dieser hat jedoch andere Ursachen als in früheren Jahrhunderten – und ist zuletzt etwas heissgelaufen.

 

Was ist Gold eigentlich für eine Anlage…

Im Anlageuniversum nimmt Gold eine Sonderrolle ein und entzieht sich einer eindeutigen Klassifikation. Ist es ein Rohstoff, eine Währung oder doch eher ein Sammlerobjekt? Fakt ist: Gold erfüllt verschiedene Funktionen, ohne eine davon vollständig zu übernehmen. Es ist zu rohstoffnah, um als Währung zu gelten, zu währungsähnlich für einen klassischen Rohstoff und zugleich zu unproduktiv für ein traditionelles Asset. Anders als Aktien oder Immobilien generiert Gold nämlich keine laufenden Cashflows – weder Dividenden noch Mieteinnahmen. Ohne diese Erträge fehlt eine klassische Bewertungsgrundlage, folglich lässt sich Gold nicht intrinsisch bewerten. Sein Preis spiegelt insbesondere die Stimmung und Leidenschaft der Anleger sowie die begrenzte Verfügbarkeit wider. Da Gold eine unproduktive Anlage ist, verzichten gewisse Anleger – darunter Warren Buffett – sogar gänzlich auf das Metall und setzen lieber auf Cashflow-generierende Vermögenswerte. Doch selbst das „Orakel von Omaha“ musste 2025 zusehen, wie Gold ganz ohne Dividenden einen Rekord nach dem anderen brach.

 

Historischer Höhenflug | Die Gold-Rally in Zahlen

Goldpreisentwicklung in USD/Unze seit 2016

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

…und welche Faktoren beeinflussen den Goldpreis?

Wenn Gold selbst keinen laufenden Ertrag abwirft, was treibt dann dessen Nachfrage? Obschon viele Faktoren die Goldnachfrage beeinflussen, haben sich historisch drei wichtige Treiber herauskristallisiert:

  • Inflation: Gold dient als Wertspeicher und Schutzschild vor Geldentwertung, besonders bei unerwartet hoher und extremer Inflation. Anleger flüchten dann ins Gold, wenn das Vertrauen in Papierwährungen schwindet.
  • Krisenängste: Seit jeher gilt Gold als sicherer Hafen in stürmischen Zeiten. Bei Kriegen und politischen Krisen – an denen es in vergangenen Jahren nicht mangelte – steigt die Nachfrage häufig an.
  • Realzinsen: Klassischerweise korreliert die Attraktivität von Gold negativ mit den Realrenditen. Steigen diese deutlich, erhöhen sich die Opportunitätskosten des zinslosen Metalls und der Goldpreis gerät unter Druck. Umgekehrt befeuern niedrige oder gar negative Realzinsen die Goldnachfrage. So zumindest die Lehrbuchlogik. In den vergangenen Jahren jedoch hat dieser Zusammenhang an Erklärungskraft verloren. Steigende Realzinsen gingen zeitweise mit steigenden Goldpreisen einher.

 

Strukturelle Änderungen als wichtige Treiber

Neben klassischen Preis- und Zinsfaktoren gewinnen zunehmend strukturelle und geopolitische Faktoren an Bedeutung und könnten das neue „Normal“ beim Goldpreis nach oben verschoben haben. Einer der zentralen Treiber sind die Notenbanken. Seit der Finanzkrise, und verstärkt seit 2018, häufen vor allem die Notenbanken aus den Schwellenländern mehr und mehr Gold an, häufig zulasten des US-Dollars. In einer Welt wachsender geopolitischer Spannungen und zunehmender Zweifel an der Dominanz des Dollars sowie an der Unabhängigkeit der Fed setzen viele Staaten auf politisch neutrales Gold – frei von Sanktionen und Abhängigkeiten. Besonders relevant sind die immensen Käufe der chinesischen Notenbank zum Aufbau einer strategischen, nationalen Sicherheitsreserve. Sie könnten sogar noch höher sein als es die offiziellen Zahlen der der People’s Bank of China (PBoC) vermuten lassen.

 

Still aber stetig | Notenbanken als heimliche Bullen

Durchschnittliche Goldanteile an den gesamten offiziellen Währungsreserven der Notenbanken

Quellen: World Gold Council, Kaiser Partner Privatbank

 

Ähnliches zeigt sich bei der strukturellen, privaten Nachfrage aus Asien: So halten indische Haushalte rund 25’000 Tonnen Gold, was etwa 16% des gesamten Privatvermögens entspricht. Der Absicherungseffekt von Gold gegen globale Unsicherheit reduziert die Preissensitivität und stabilisiert die Nachfrage. Gepaart mit dem starken nominalen Wachstum und der kulturellen Bedeutung von Goldschmuck – der auch in China zunehmend als liquide Investment-Alternative zu kriselnden Immobilien genutzt wird – ist die asiatische Nachfrage ein nicht zu unterschätzender Treiber des Goldpreises.

Hinzu kommt die Demokratisierung des Zugangs. Wo früher physische Barren, Lagergebühren und Schliessfächer den Goldkauf erschwerten, reichen heute wenige Klicks. Gold-ETFs bieten seit Anfang der 2000er-Jahre der breiten Öffentlichkeit die Möglichkeit, ihr Erspartes günstig und liquide in das Edelmetall zu investieren. Die Folge: Erhebliche Kapitalzuflüsse, insbesondere in Zeiten erhöhter Unsicherheit.

 

Von Barren zu Bytes | Goldanlage im Zeitalter von ETFs

Kumulierte Gold-ETF-Bestände in Tonnen

Quellen: World Gold Council, Kaiser Partner Privatbank

 

Ist Gold aktuell überbewertet?

Angesichts des Höhenflugs stellt sich mittlerweile auch bei gestandenen Wallstreet-Namen die Frage: Ist das gelbe Metall schon zu heissgelaufen? Ein häufig verwendeter langfristiger Bewertungsanker setzt den Goldpreis ins Verhältnis zur globalen Geldmenge, da Gold historisch als monetärer Wertspeicher gilt und nicht beliebig vermehrbar ist. Während beide Grössen über lange Zeiträume in die gleiche Richtung tendieren, ist der Goldpreis in vergangenen Jahren deutlich stärker gestiegen als die Geldmenge. Auch der Vergleich mit Öl deutet auf eine Überbewertung hin: Mit einer Unze Gold lassen sich derzeit rund 70 Barrel Rohöl kaufen, wobei der Durchschnitt der letzten 50 Jahre gerade einmal 17 beträgt. Zudem ist Gold 3- bis 3.5-mal teurer als dessen Förderkosten. Diese sind in den letzten Jahren zwar gestiegen, jedoch deutlich langsamer als der Goldpreis. All diese Anzeichen deuten auf den ersten Blick auf eine ambitionierte Goldbewertung hin. Es gilt jedoch anzumerken, dass obige Kennzahlen weniger konkrete Modelle zur Überprüfung des korrekten Preises darstellen, sondern eher Signale für eine aussergewöhnlich hohe Prämie sind.

 

Natürliche Preisuntergrenze | Die Kosten des Goldschürfens

Goldpreis und Gesamtförderkosten in USD/Unze

Quellen: Bloomberg, World Gold Council, Kaiser Partner Privatbank

 

Gold im Portfolio: Versicherung, Illusion oder beides?

Gold wird aus unterschiedlichen Motiven gehalten. Während kurzfristig orientierte Trader auf Preisbewegungen setzen und andere Gold als Kerninvestment zur Absicherung gegen extreme Ereignisse wie Währungsreformen, Hyperinflation oder Finanzkollaps betrachten, steht für die meisten Investoren der Diversifikationseffekt im Vordergrund. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass gleichzeitige Kursverluste bei Aktien und Anleihen durchaus möglich sind. Gold – aufgrund der Resilienz gegenüber Marktschwankungen, dem Fehlen von Kredit- und Ausfallrisiken sowie der Unabhängigkeit von den meisten anderen Anlagetypen – kann in solchen Situationen als wertvoller Diversifizierungsbaustein fungieren. Jedoch zeigt sich, dass ein goldener Tropfen auf den heissen Stein nicht ausreicht. Erst zweistellige Portfolio-Gewichtungen wären für einen spürbaren Versicherungseffekt nötig – wenn auch keine Garantie. Auch auf Portfolioebene relativiert sich der Nutzen: Analysen defensiver Strategien zeigen, dass der Unterschied zwischen Portfolios mit und ohne Gold in Krisen gerade einmal 20 Basispunkte beträgt. Gold ist damit weder ein verlässlicher Renditetreiber noch eine Zauberformel gegen Marktturbulenzen.

 

Konsequenzen für Anleger

Gold ist keine Wunderwaffe. Auch wenn die glänzende Performance im letzten Jahr die Versuchung wecken mag, voll auf den Trend aufzuspringen, ist ein nüchtern-realistischer Blick wichtig. Die Angst etwas zu verpassen (FOMO) ist nie ein guter Ratgeber. Wer erst Ende Januar bei Gold eingestiegen ist, musste dies bitter zur Kenntnis nehmen. Aus strategischer Sicht ist eine massvolle Gold-Beimischung durchaus sinnvoll. Es kommt aber auf die richtige Dosierung an: Wer schon Gold hält, sollte prüfen, welche Funktion es im Portfolio einnimmt und ob die Gewichtung den eigenen Rendite- und Risikozielen gerecht wird. Gerade nach den starken Kursgewinnen 2025 kann ein Rebalancing sinnvoll sein – insbesondere, wenn die Gewichtung von Gold im Portfolio deutlich über die strategische Zielallokation hinausgewachsen ist.

 

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

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