„Grüne“ Trends 2022

Die drei Buchstaben E, S und G sind längst im Investment-Mainstream angekommen. Doch nachhaltiges Anlegen bleibt ein dynamisches (Wachstums-)Feld. Wir beleuchten einige «grüne» Trends, welche sich dieses Jahr fortsetzen dürften.

 

Zuckerbrot und Peitsche

Nachhaltige Anlagen erfreuten sich 2021 weiterhin steigender Beliebtheit. Gemäss Berechnungen von Morningstar hat sich das in als nachhaltig (sustainable) klassifizierten Anlagefonds und ETFs verwaltete Vermögen allein in den ersten drei Quartalen des letzten Jahres mehr als verdoppelt und weltweit ein Volumen von 3.9 Billionen US-Dollar erreicht. Knapp 90% dieser Anlagen sind dabei in Europa domiziliert. Ursache für diese hohe Wachstumsdynamik (und die Regionalität) war 2021 insbesondere die Regulierungs-Peitsche namens SFDR (Sustainable Finance Disclosure Regulation), gemäss derer Anlagegefässe in der EU seit März je nach Strategie und Exposure zwischen herkömmlich, hellgrün und dunkelgrün unterschieden werden. Sie führte dazu, dass viele Fonds in ihrem Zweck «angepasst» wurden und nun als nachhaltig gelten. Ein Prozedere, welches sich 2022 fortsetzen dürfte, denn rund die Hälfte aller in europäischen Fonds verwalteten Anlagen qualifizierten sich grundsätzlich für die grünen Kategorien. Dass ESG-Anlagen weiterhin schneller wachsen werden als ihre konventionellen Pendants liegt aber nicht allein an der Peitsche, sondern auch am Zuckerbrot. Gemäss einer Studie von bfinance erwarten rund 80% der befragten Anleger, dass nachhaltig verwaltete Strategien in den kommenden drei Jahren (weiter) outperformen werden. Auch diese positive Erwartungshaltung dürfte grünen Anlagen in den kommenden Quartalen weiteren Auftrieb geben – und zeigt nicht zuletzt, dass «ESG» längst im Investment-Mainstream angekommen ist. Eine Tatsache, die sich im letzten nicht zuletzt auch erneut in vielen neuen Beitritten zur Investoreninitiative Principles for Responsible Investments (PRI) widerspiegelte.

 

Ungebrochene Dynamik
Stetig wachsende Investorengemeinschaft

Verwaltete Vermögen und Anzahl Unterzeichner der PRI-Initiative

Quellen: UNPRI, Kaiser Partner Privatbank

 

Grünwaschen auf dem Zenit?

Das starke Wachstum von ESG-Anlagen ging im letzten Jahr nicht ohne Misstöne vonstatten. In den Medien wurde nämlich nicht nur erfolgreich die grüne Werbetrommel gerührt. Mehr als in den Vorjahren kamen auch Kritiker des Nachhaltigkeitstrends zu Wort. Und oftmals schwang der Makel des «Greenwashings» mit. Tatsächlich war es bisher ein leichtes Spiel einem Anlageprodukt den grünen Stempel aufzudrücken. Denn die ESG-Buchstabensuppe verschiedenster Regulierungen, Terminologien und Labels ist schwer durchschaubar. Wer zehn Portfoliomanager nach ihrer Definition für eine «grüne Investition» fragt, wird darauf auch heute noch zehn verschiedene Antworten erhalten. Langsam wird aber absehbar, dass sich zukünftig ein gemeinsames Vokabular herausbildet, welches die Transparenz fördern und vor allem die Produktauswahl erleichtern dürfte. In den USA hat die Wertpapier- und Börsenaufsichtsbehörde (SEC) die Investmentbranche bereits auf Defizite bei der Offenlegung und den Praktiken bei der Prüfung von ESG-Angaben aufmerksam gemacht. Weitere Schritte dürften folgen. In Europa stellt derweil die oben erwähnte SFDR bereits einen wesentlichen Schritt nach vorn dar. Gemäss einer Untersuchung von MSCI sind gemäss Artikel 8 oder 9 der SFDR als nachhaltig vermarktete (Klima-)Fonds besser mit einem 1.5- bzw. 2-Grad-Klimaerwärmungs-Szenario aligniert als herkömmliche Fonds. Zudem ist ihr ökologischer Fussabdruck statistisch signifikant geringer. Die SDFR macht es insgesamt also schwieriger einem Fonds kurzerhand einen grünen Anstrich zu verpassen. Umgekehrt wird es für Anleger einfacher den grünen Charakter einer Anlage nachzuvollziehen und individuelle Nachhaltigkeitsziele zu verfolgen. Für eine klarere Antwort auf die Frage, was denn eigentlich nachhaltig ist, dürfte auch die EU-Taxonomie sorgen, welche seit Jahresbeginn in Kraft ist. Sie definiert, welche wirtschaftlichen Aktivitäten als «grün» gelten und in welcher Form (europäische) Unternehmen darüber berichten müssen. Die Taxonomie könnte dazu beitragen einen internationalen Standard in Bezug auf die Definition von Nachhaltigkeitsfragen zu setzen. Es zeichnet sich bereits jetzt ab, dass sie sich zu einer Leitlinie entwickeln dürfte, an der sich andere Länder bei der Definition ihres eigenen Rahmenwerks orientieren werden, sowie sich Investoren bei der Umsetzung ihrer Nachhaltigkeitsstrategien ausrichten können.

 

(Dunkel)grüne Fonds…
…sind tatsächlich etwas grüner

Impliziter Temperaturanstieg im Portfolio von Klima-Fonds

Quellen: MSCI, Kaiser Partner Privatbank

 

Nettonull entlang der Lieferkette

«Net zero» war in der ESG-Welt im vergangenen Jahr eines der wichtigen Stichwörter. Viele Staaten bekannten sich dazu ihre Treibhausgasemissionen noch stärker als bisher geplant zu senken. Erneut drangen auch viele Unternehmen – nicht zuletzt aufgrund des Drucks ihrer Aktionäre – mit einem CO2-Fahrplan an die Öffentlichkeit. Seit Längerem zu den Vorreitern auf dem Weg zur «nettonull» gehören die amerikanischen Internetriesen Amazon, Microsoft und Alphabet. Aufgrund ihrer Marktmacht stehen sie zuletzt immer öfter in der Kritik. Doch wenn es um die Erreichung ihrer sehr ambitionierten Klimaziele geht, könnte Grösse für einmal segensreich sein. Riesiges CO2-Einsparpotential besteht nämlich bei Cloud-Datenzentren – einem Markt, den die drei Unternehmen fast vollständig dominieren und der jedes Jahr milliardenschwere Investitionen erfordert. Wenn Amazon & Co. nicht nur ihren direkten, sondern auch den indirekten ökologischen Fussabdruck verbessern wollen, dann müssen sie zukünftig auch ihre Zulieferer für Technologieausrüstung (Hardware, Halbleiter, etc.) in die Pflicht nehmen. Dass sie dies früher oder später auch tun werden, ist mehr als wahrscheinlich. Auch IT-Ausrüster wie Lenovo und Hewlett Packard oder Chiphersteller wie Intel und TSMC, welche bisher noch keine offiziellen Nettonull-Zielen bekannt gegeben haben, könnten sich schon bald zu ebensolchen gezwungen sehen. Ähnliche Vergrünungs-Effekte entlang der Lieferkette sind in den nächsten Jahren auch in anderen Branchen zu erwarten.

 

„Private“ Emissionen auf dem Prüfstand

Wie gross der Druck auf börsennotierte Unternehmen – insbesondere aus «braunen» Industrien wie dem Rohstoff- oder Energiesektor – inzwischen ist, hat letztes Jahr unter anderem der Überraschungserfolg des kleinen aktivistischen Investors «Engine No. 1» in der Auseinandersetzung mit dem Ölriesen Exxon gezeigt. Manch ein Unternehmenslenker könnte da durchaus denken, dass es sich abseits der Finanzmärkte – zum Beispiel im Schosse einer Private-Equity-Gesellschaft – ruhiger leben liesse. Und tatsächlich: Selbst die grossen an der Börse gelisteten Private-Equity-Häuser rapportieren bisher bestenfalls über ihren eigenen ökologischen Fussabdruck. Mit Ausnahme der schwedischen EQT informiert aber keines über die Emissionen seiner Portfolio-Unternehmen. Vielmehr liegt der (Marketing-)Fokus (noch) auf den Erfolgsgeschichten ausgewählter Unternehmen oder allgemein der Investitionen in erneuerbare Energien. Dass diese «Taktik» – der Verweis auf Anekdoten anstatt auf quantitative und systematisches Reporting – Investoren, Regulatoren und andere Stakeholder nicht mehr zufriedenstellt, mussten börsennotierte Unternehmen in den letzten zehn Jahren teils schmerzhaft erlernen. Auch die Private-Equity-Branche wird sich einer besseren Kommunikation nicht mehr lange verschliessen können. Schon bald dürften Anleger auch an den Privatmärkten vermehrt standardisierte Kennzahlen, welche das gesamte Spektrum der Klimarisiken abdecken, und die Ausrichtung der Portfolio-Unternehmen auf ein 1.5 Grad-Klimaerwärmungs-Szenario einfordern.

 

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

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