Kommt China zur Hilfe?
Im vergangenen Jahr ist China als Konjunkturmotor weitgehend ausgefallen. Angesichts erhöhter makro- und geopolitischer Risiken könnte die Weltwirtschaft eine verlässliche Stütze in diesem Jahr gut gebrauchen. Ob China diese Rolle (einmal mehr) übernehmen kann, ist jedoch fraglich, denn das Land steht vor eigenen Herausforderungen.
Unentschlossener Riese
Kommt China zur Hilfe? Diese Frage stellt sich derzeit gleich zweifach. Einerseits mit Blick auf den Ukraine-Konflikt. Hier könnte das Reich der Mitte eine Vermittlerrolle zwischen Russland und der Ukraine einnehmen, hält sich bisher mit grösserem diplomatischem Engagement aber zurück. Andererseits mit Blick auf die globale Konjunktur. Hier könnte die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt dieses Jahr in Anbetracht makroökonomischer Risiken und erhöhter Unsicherheit – wie bereits mehr als nur einmal in der Vergangenheit – möglicherweise eine stützende Rolle spielen.
Ob China bei der Abkühlung des grössten geopolitischen Brennpunkts der letzten Jahrzehnte mitwirken kann, können wir kaum beurteilen. Zu wenig lässt sich einschätzen welche aussen- und wirtschaftspolitischen Prioritäten Xi Jinping beziehungsweise die Kommunistische Partei verfolgt. Etwas besser – wenn auch ebenfalls unter Vorbehalt – lässt sich eine Antwort auf die Wachstums-Frage formulieren.
Im Wachstums-Tief
Eine Beschleunigung ist dringend nötig
Wirtschaftswachstum China
Quelle: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Stabilisierungszeichen und Risiken
Eines ist klar: Nachdem das Wirtschaftswachstum in China im vierten Quartal 2021 auf ein historisches Tief (abgesehen vom Corona-Einbruch) von 4% fiel, ist eine Wachstumsbeschleunigung dringend nötig. Tatsächlich gab es in den zuletzt veröffentlichten Makrodatenpunkten nun auch Anzeichen einer Stabilisierung. So stieg die Industrieproduktion im Januar und Februar gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 7.5% (Dezember: 4.3%). Ausrüstungsinvestitionen legten um 12.2% (4.9%) zu und Investitionen in Infrastruktur um 8.6% (0.2%). All diese Zahlen lagen über den Konsensschätzungen der Analysten. Entsprechend deutlich ist der Economic Surprise Index für China in die Höhe geschnellt.
Doch so positiv wie es auf den ersten Blick scheint, ist das chinesische Konjunkturbild nicht: Aus mindestens zwei Richtungen bläst ordentlicher Gegenwind. Zum einen ist der Abschwung im Immobiliensektor noch nicht ausgestanden. Die Finanzlage der Immobilienentwickler hat sich jüngst eher noch weiter verschlechtert. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach Immobilien sehr schwach. Erstmals seit Beginn der Statistik im Jahr 2007 ist das Volumen an Privathypotheken zur Wohnungsfinanzierung im Februar zurückgegangen. Beim Konsum im weiteren Sinne liegt denn auch das zweite Wachstumsrisiko. Angesichts einer neuen Corona-Welle und Lockdowns in wichtigen Millionenstädten wie Shenzhen oder Shanghai dürfte die Konsumlust der Verbraucher vorerst gebremst bleiben. Das Sentiment ist jedenfalls bereits deutlich eingetrübt.
Makrodatenpunkte überraschen positiv…
…zeichnen aber ein zu optimistisches Bild
Economic Surprise Index China
Quelle: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Eher ein (halb aufgeblasener) Rettungsring
Dass es eines Stimmungsumschwungs bedarf und die Konjunktur besser bald wieder einen Gang höher schalten sollte, hat man in den Reihen der Regierung wohl erkannt. Mit Blick auf den 20. Parteitag im Herbst, auf dem Präsident Xi für eine dritte Amtszeit bestätigt werden soll, muss Stabilität (und eine einigermassen zufriedene Stimmung im Volk) her – koste es, was es wolle. Vor diesem Hintergrund ist das auf dem nationalen Volkskongress im März ausgegebene Wachstumsziel von 5.5% für dieses Jahr nur insofern überraschend, als dass es sehr ambitioniert ist und deutlich über den Markterwartungen liegt.
Verbal haben einige Regierungsvertreter im Zusammenhang mit den verkündeten Wachstumsambitionen bereits vorgespurt. Ob Stützungsmassnahmen für die Konjunktur (wie beispielsweise Steuerrückerstattungen und -senkungen), weniger Druck auf den Immobiliensektor, eine Rückbesinnung auf eine «marktfördernde» Politik im Privatsektor (und damit auch bei den Tech-Unternehmen) – an Ankündigungen mangelte es in den letzten Wochen nicht. Im zweiten Quartal dürften den Worten nun auch (noch mehr) Taten folgen. An geeigneten Stellhebeln fehlt es dafür nicht. Neben einem teilweisen Zurückdrehen der Regulierungsschraube(n) gehören weitere Zinssenkungen der chinesischen Notenbank ebenso ins Repertoire wie ein kräftiger Fiskal-Schub. Für letzteren steht 2022 besonders viel Geld bereit, denn die Lokalregierungen können Finanzmittel aus 2021 ins laufende Jahr übertragen. Selbst die eigenen Klima-Ambitionen dürfen dem Ziel der «Stabilisierung» in diesem besonderen Jahr nicht im Weg stehen. So hat die Regierung auf dem Volkskongress explizit keine Ziele zur Dekarbonisierung oder Reduktionen beim Energieverbrauch genannt.
Wieder mit der grossen Kelle anrühren?
Einmal mehr kommt die Regierung mit der Konjunkturspritze
Kreditimpuls China
Quelle: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Im Balanceakt zwischen Reformnotwendigkeit und Stabilitätsbedürfnis dürfte das Pendel in China in den kommenden Monaten wieder einmal in die Gegenrichtung ausschlagen. Es sollte also etwas weniger Regulierung und etwas mehr Wachstum geben. Das Wandeln zwischen den Extremen wird für die chinesische Volkswirtschaft mit wachsender Grösse (und wachsenden Ungleichgewichten) aber immer schwieriger. Ein Wachstum von 5.5% scheint aus heutiger Sicht trotz aller Stimulierungsbemühungen aber kaum erreichbar. Unsere Antwort auf die zu Beginn gestellte Wachstumsfrage lautet daher: Zwar dürfte China dieses Jahr keine Wachstumsbremse sein, als Rettungsanker für die Weltkonjunktur würden wir es aber auch nicht betrachten.