Made in Europe

Hohe Margen, überdurchschnittliches Wachstum und eine starke Performance – dieser erfreuliche Dreiklang ist nicht allein den Aktionären von grossen US-Technologieunternehmen vorbehalten. Auch diesseits des Atlantiks gibt es eine kleine Gruppe von Aktien mit ebendiesen Attributen. Im Vergleich zu ihren Pendants aus den USA sind sie zudem breiter diversifiziert, weniger volatil und dividendenstärker. Sind die GRANOLAS die bessere Version der „Glorreichen Sieben“?

 

(Übersehene) europäische Champions League

Auch Europa kann Deep Tech, Innovation und Cloud Computing. Ohne das Equipment von ASML könnte Nvidia nicht seine für KI-Anwendungen aktuell hochgefragten GPUs produzieren. Dank der jahrelangen Forschung von Novo Nordisk gibt es mit Ozempic und Wegovy heutzutage wirksame Mittel gegen Diabetes (und Übergewicht). Und mit SAP gibt es auch auf dem alten Kontinent einen IT-Riesen, der mit der Konkurrenz aus dem Silicon Valley zumindest in Teilbereichen mithalten kann. Alle drei Namen gehören zu einer kleinen Gruppe von Unternehmen, die ähnlich wie die „Glorreichen Sieben“ (auch Mag7) in den USA hohes, qualitatives Wachstum und eine entsprechend starke Aktienperformance auf sich vereinen. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass die Titel aus der europäischen Champions League vergleichsweise weniger im Rampenlicht stehen als die Mag7. Dies mag unter anderem auch daran liegen, dass der Finanzbranche bisher keine bessere Bezeichnung für die europäischen Aktienschwergewichte eingefallen ist als das von Goldman Sachs geprägte Akronym „GRANOLAS“ (GSK, Roche, ASML, Nestlé, Novartis, Novo Nordisk, L’Oréal, LVMH, AstraZeneca, SAP, Sanofi). So langweilig wie ein Schweizer Birchermüsli ist die aus elf Aktien bestehende Gruppe allerdings nicht. Ihre Performance in den letzten drei Jahren war ganz im Gegenteil fast schon spektakulär. Mit einem Kursplus von 65% (in Euro gemessen) waren sie mit den Mag7 in etwa auf Augenhöhe. Ein Widerspruch angesichts der im Vergleich zur jüngst boomenden US-Wirtschaft eher trägen Konjunktur in Europa ist dies nicht. Vielmehr ist es eine Erinnerung daran, dass die grössten Unternehmen der Welt heute international agieren – Ausnahmen bestätigen die Regel.

 

Weniger Schwankungen, gleiches Resultat | GRANOLAS mit besserer risikoadjustierter Performance

Performancevergleich „GRANOLAS“ vs. „Magnificient 7“, indexiert per 1.1.2021

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Gemeinsamkeiten mit den „Glorreichen Sieben“…

Nicht nur die absolute Performance war in den vergangenen Jahren ähnlich. Auch sonst gibt es beim Vergleich der GRANOLAS mit den Mag7 so einige Gemeinsamkeiten.

  • Gewichtung: Beide Gruppen haben im letzten Jahr mehr als 60% der Performance ihres lokalen Aktienmarktes generiert. Dank stetiger Outperformance hat ihre Gewichtung in den jeweiligen Blue-Chip-Indizes in den letzten Jahren stetig zugenommen. Mit einem Anteil von mehr als 25% im Stoxx 600 (GRANOLAS) bzw. knapp 30% im S&P 500 (Mag7) bestimmen die wenigen Titel den Verlauf des jeweiligen Aktienmarkts heutzutage zunehmend mit.
  • Fundamentaldaten: In beiden Fällen kommt die gute Performance nicht von ungefähr, sondern wird von starken Fundamentaldaten getragen. Einerseits basieren die Kursgewinne im Wesentlichen auf einer entsprechenden Steigerung der Unternehmensgewinne. Andererseits wachsen beide Aktiengruppierungen um den Faktor 3-4x schneller als der Rest des Aktienmarktes – und dies mit geringerer Sensitivität gegenüber den Schwankungen der Konjunktur. Auch die Erklärung für dieses überdurchschnittliche Wachstum ist bei den europäischen und amerikanischen Champions gleich. Sowohl die GRANOLAS als auch die Mag7 stecken rund dreimal mehr in Forschung, Entwicklung und andere Investitionsausgaben als der Rest des Aktienmarktes. Zudem nutzen sie auch häufiger als andere Unternehmen anorganisches Wachstum. In den letzten 5 Jahren waren beispielsweise in knapp der Hälfte aller M&A-Transaktionen im Stoxx 600 die 11 GRANOLAS-Unternehmen beteiligt.
  • Kapitalflüsse: Auf beiden Seiten des Atlantiks sind die Fundamentaldaten jedoch nicht die einzige Erklärung für die überdurchschnittliche Performance. Die strukturelle Umschichtung hin zu passiven Investments ist ein globaler Trend. Wenn Anleger Geld aus aktiven Fonds abziehen, um es in ETFs zu investieren, profitieren die grössten Unternehmen am meisten davon. Was bereits gross ist, wird somit tendenziell noch grösser.
  • Bewertung: Nicht zuletzt haben die beiden Gruppen auch die hohe Bewertung gemeinsam. Gegenüber dem Gesamtmarkt haben die Schwergewichte in Europa ein um 60% höheres Kurs-/Gewinn-Verhältnis, in den USA liegt der Aufschlag bei 50%. Hier wie da relativiert sich die Bewertungsprämie jedoch auf ein „faires“ Niveau, wenn man sie um das starke Wachstum, die hohen Cash-Flows und die Qualität der Gewinne bereinigt.

 

Hochkonzentriert | Auch in Europa werden die Grossen immer grösser

Anteil der „GRANOLAS“ am Stoxx 600 Index

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

…und anlagerelevante Unterschiede

Trotz der vielen Gemeinsamkeiten – vergleicht man die Top-Titel aus Europa und den USA handelt es sich eher um Äpfel und Birnen als um Früchte aus der gleichen Kiste. Und diese Unterschiede sind für Anleger durchaus von Relevanz.

  • Volatilität: Die (Out-)Performance der GRANOLAS ist nicht nur auf absoluter, sondern auch auf risikoadjustierter Basis sehr attraktiv. Sie sind deutlich weniger volatil als der Gesamtmarkt oder andere Wachstumstitel. Im Vergleich mit den Mag7 aus den USA weisen die 11 europäischen Titel seit 2018 nur eine etwa halb so hohe realisierte Volatilität auf. In den letzten Jahren konnte man das Verhältnis von Rendite zu Risiko eines Portfolios mit der Beimischung der GRANOLAS also spürbar reduzieren.
  • Diversifikation: Bei den Mag7 handelt es sich fast ausschliesslich um Technologieunternehmen. Die GRANOLAS umfassen neben Technologie auch die Branchen Gesundheit, Verbrauchsgüter sowie Konsumgüter und sind somit eine deutlich breiter diversifizierte Wette.
  • Dividenden: Der Aktionärswert steht bei den GRANOLAS hoch im Kurs. Ihre Dividendenrendite von durchschnittlich 2.5% liegt merklich höher als jene des S&P 500 (1.5%) oder bei den Mag7 (0.3%). US-Technologieunternehmen kompensieren den Mangel an Ausschüttungen zwar häufig durch Aktienrückkäufe. Doch selbst wenn man Dividenden- und Rückkaufrendite addiert, rentieren die Aktien aus der europäischen Champions League rund 2% höher als die Mag7. Nicht zuletzt sind sie auch gegenüber der realen Rendite von deutschen (0.3%) oder amerikanischen Staatsanleihen (1.6%) attraktiver.

 

Rentierliches Wachstum | Vorteil für Europa

Renditevergleich (Dividendenrendite bzw. reale Anleiherendite)

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Kaufen oder warten?

Die wachstumsstarke Qualität der grossen „Made in Europe“-Titel hat sich für deren Aktionäre in den letzten Jahren ausgezahlt. Seit 2018 haben sich die Kurse der GRANOLAS mehr als verdoppelt, während der Rest des Marktes auf der Stelle trat. Auch im weiteren Verlauf dieser Dekade dürften ihre Charaktereigenschaften – grosses Gewinnwachstum, tiefe Volatilität, hohe und stabile Margen, starke Bilanzen und nachhaltige Dividenden – gefragt sein. Sollten die Titel ihre Qualitäten beibehalten, so können Anleger mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zukünftig positive absolute Renditen erwarten. Denn viele der Unternehmen befinden sich im Sweet-Spot von strukturellen Megatrends wie einer alternden Bevölkerung, Künstliche Intelligenz und Automatisierung.

 

Qualitatives Wachstum zahlt sich aus | GRANOLAS haben massiv outperformt

Performancevergleich „GRANOLAS“ vs. Gesamtmarkt, indexiert per 1.1.2018

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Dass die europäischen Schwergewichte auch weiterhin besser laufen als der Gesamtmarkt, ist jedoch nicht garantiert. Die historische Evidenz zeigt, dass Marktführer ohne ständige Neuerfindung und Weiterentwicklung von der kleineren und schnelleren Konkurrenz überholt werden können. Diese zyklische Natur von Märkten und Trends widerspiegelt sich auch im Ranking der Top10-Aktien Europas, welches kurzfristig zwar statisch, über 10 und mehr Jahre aber relativ dynamisch ist. Und auch auf kürzere Sicht könnte die Outperformance der GRANOLAS zumindest vorübergehend ins Stocken geraten. Sollte sich die europäische Konjunktur wiederbeleben, dann könnten bilanzschwächere, zyklische Unternehmen zeitweise besser performen. Auch im Falle eines erstarkenden Euros würden die 11 grossen Firmen, welche weniger als 20% ihres Umsatzes in Europa generieren, gegenüber inländisch fokussierten Small Caps wohl ins Hintertreffen geraten. Und nicht zuletzt sind die GRANOLAS ähnlich wie die Mag7 seit Längerem eine überreizte Wette, auf die viele Marktteilnehmer bereits aufgesprungen sind. Kaufen oder (noch) nicht? Wer in Europas Aktienmarkt investieren möchte, kommt an der europäischen Champions League nicht vorbei. Ein überdurchschnittliches Exposure ist nach der starken Rally der letzten Zeit momentan jedoch nicht nötig.

 

Veränderung… | …ist die einzige Kontante

Top10 im Stoxx 600 Index über Zeit

Quellen: Goldman Sachs, Kaiser Partner Privatbank

 

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

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