Schlaflos an der Börse
Der nächste Trade ist heutzutage nur einen Griff zum Smartphone entfernt. Doch nicht nur die unmittelbare Verfügbarkeit ist verlockend, auch zeitlich gibt es für Geschäfte an der Börse inzwischen kaum noch Grenzen. Der 24-Stunden-Handel erfreut sich unter Privatanlegern zunehmender Beliebtheit und spiegelt die Konsumkultur einer digitalisierten Gesellschaft wider. Die Freiheit des Nonstop-Tradings hat aber Risiken und Nebenwirkungen. Wer langfristig investieren statt kurzfristig spekulieren möchte, sollte in schlaflosen Nächten lieber auf spontane Kauforders verzichten – und stattdessen eine warme Milch trinken.
Glockenläuten (nur noch) für die Show
Miss Piggy, Robert Downey Jr., Donald Trump und Wolodymyr Selenskyi – an der Börsenglocke der New York Stock Exchange (NYSE) haben in den vergangenen Jahrzehnten schon diverse Persönlichkeiten aus Kultur und Gesellschaft, Wirtschaft und Politik den Handel ein- und ausgeläutet. Spätestens seitdem der Parketthandel in die digitale Sphäre abgewandert ist, scheint die alte Tradition wie ein Relikt aus alten Zeiten, die nur noch als traditionsreiche Inszenierung im Fernsehen fortgeführt wird. Eines ist das Glockenläuten an der Wiege des amerikanischen Kapitalismus aber auch heute noch: Eine Erinnerung daran, dass der (offizielle) US-Aktienhandel einen Anfang und ein Ende hat. Am derzeit gültigen Zeitfenster von 9:30 Uhr bis 16:00 Uhr (New Yorker Zeit) hat sich seit den 1950er Jahren abgesehen von minimen Anpassungen nichts geändert – auch nicht mit der zunehmenden Bedeutung grosser Investoren im Westen der USA. Für Finanzprofis an der Pazifikküste beginnt der Handelstag oft noch vor dem Aufstehen – um 6:30 Uhr. Seit einiger Zeit verschwimmen die Grenzen des Aktienhandels aber zusehends. Was vor rund zwei Jahrzehnten mit Einführung der Vor- und Nachhandelsphase (4:00 Uhr bis 9:30 Uhr bzw. 16:00 Uhr bis 20:00 Uhr) begann, könnte schon bald in einer (vorerst nur noch vom Wochenende unterbrochenen) Handels-Dauerschleife münden.
23/5 | Fast keine Verschnaufpause
Aktuelle und geplante Handelszeiten
Quellen: FT, Kaiser Partner Privatbank
(Fast) ohne Stopp, aber nicht ohne Risiko
So hat die US-Wertpapieraufsicht (SEC) Ende letzten Jahres grünes Licht für die „24X National Exchange“ gegeben. Diese möchte ab der zweiten Jahreshälfte einen kontinuierlichen Aktienhandel von Montag bis Freitag anbieten, einzig unterbrochen durch eine einstündige Pause. Auch die NYSE plant ihr Handelsfenster massiv auszubauen und treibt das Projekt eines 22/5-Handels voran. Grosses Interesse verorten sowohl neue als auch etablierte Anbieter insbesondere bei Privatanlegern. In einer Zeit, in der viele Unternehmen ihre Mitarbeiter wieder vermehrt im Büro sehen möchten, scheint der Handel vor und nach der Arbeit für viele nur allzu verlockend. Einige Onlinebroker haben dieses Interesse schon früh erkannt. Bei Interactive Brokers (seit 2022) und Robinhood (seit 2023) lassen sich zu später Stunde inzwischen bereits Tausende Titel handeln. Dies allerdings nicht zu „offiziellen“, nachvollziehbaren Kursen – und nicht ohne Nebenwirkungen. Zwar ist das Risiko begrenzt, weil Anleger nur mit limitierten Aufträgen arbeiten können und somit ein maximaler Kaufpreis oder minimaler Verkaufspreis sichergestellt wird. Möglich ist es aber, dass ein Auftrag nur teilweise ausgeführt wird. Zudem ist die Volatilität der Preise in den Randzeiten hoch, da nur wenige Marktteilnehmer aktiv sind und die Illiquidität den Handel erschwert. Gleichzeitig sind auch die versteckten Handelskosten erhöht – erkennbar an den grösseren Differenzen zwischen An- und Verkaufspreisen (Bid-/Ask-Spreads).Ebenfalls nicht zu Gunsten der Anleger: Im ausserbörslichen gilt für die Handelsplattformen keine „Best Execution“-Regel – so kann es an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit unterschiedliche Preise für ein und dieselbe Aktie geben.
Die Uhrzeit spielt eine Rolle | Nur im offiziellen Handel gibt es genug Volumen
Durchschnittliches tägliches Handelsvolumen am US-Aktienmarkt, in Milliarden US-Dollar (Eastern Standard Time, Q4 2024)
Quellen: Cboe Global Markets, Kaiser Partner Privatbank
Wochenend-Achterbahn Bitcoin
Im Grunde genommen sind Aktien relativ spät auf der nächtlichen Party des Nonstop-Handels. Der Handel rund um die Uhr ist an den Währungsmärkten bereits seit den 1980er Jahren etabliert. Ebenso nahezu pausenlos ist seit den 1990ern der Handel von Terminkontrakten (Futures) auf die grossen internationalen Aktienindizes. In eine neue Dimension stiess die Finanzwelt anfangs der 2010er Jahre mit dem Aufkommen der Kryptowährungen vor – dem ersten wahren 24/7-Markt. Die Leitwährung Bitcoin ist seitdem auch am Wochenende einerseits Spekulationsobjekt und zeitgleich ein jederzeit reagierendes Risikobarometer für wirtschaftliche und geopolitische Nachrichten. Nicht zuletzt ist der ununterbrochene Bitcoin-Handel auch ein Echtzeitexperiment zur Frage, ob es eine gute Idee wäre auch den Aktienhandel am Wochenende zu öffnen. Ein Experiment, das zumindest für jene Anleger ein negatives Ergebnis hat, die am Wochenende stressfreie Erholung suchen und deren Absicht die langfristige Vermögensvermehrung anstatt der kurzfristigen Spekulation ist. Denn gerade an Wochenenden war der Bitcoin bereits häufig ein Spielball der Nachrichten (siehe Grafik).
Wie gewonnen… | …so zerronnen
Bitcoin-Kurs
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Ist die Wall Street bereit?
Das rund um die Uhr offene Kasino der Kryptowährungen ist sicher ein Grund dafür, dass sich Privatanleger auch beim Aktienhandel mehr Freiheit wünschen. Mit Ausnahme der Börsen und Plattformen, die sich mehr Geschäft versprechen, wird der Enthusiasmus an der Wall Street jedoch nicht uneingeschränkt geteilt. Vielmehr überwiegen die Fragezeichen. So fragt sich beispielsweise, wie in einer Welt des zeitlich unlimitierten Handels der finale Tagesschlusskurs einer Aktie bestimmt wird, der als wichtiger Referenzpunkt für mehr als 30 Billionen US-Dollar in Anlagefonds und ETFs verwaltetes Vermögen gilt. Auch die Tatsache, dass Clearinghäuser als Intermediäre zwischen Käufern und Verkäufern am Wochenende geschlossen sind, steht dem Wochenendhandel im Weg, solange er (noch) nicht ausschliesslich über eine Blockchain läuft. Und nicht zuletzt: Wer möchte in der ohnehin bereits gestressten Finanzbranche – auch offiziell – am Wochenende arbeiten? Ein Markt, der niemals schläft und einen beträchtlichen Teil der Angestellten dazu nötigt ständig auf die jüngste Marktbewegung zu reagieren, dürfte physisch und psychisch nicht im Interesse von Arbeitnehmern und -gebern sein. Trotz bereits umfangreichem Vor- und Nachhandel findet heutzutage noch immer 80% des US-Aktienhandels während des sechseinhalbstündigen – von der Börsenglocke umrahmten – Zeitfensters statt. Und so dürfte die Finanzbranche noch für längere Zeit schwanken – zwischen dem Gefühl der Unvermeidbarkeit immer längerer Handelszeiten und der Frage ob diese wirklich nötig sind.
Besser warme Milch trinken…
Fraglich ist die Sinnhaftigkeit des unendlichen Handels auch mit Blick auf dessen Folgen für den Anlageerfolg von Privatanlegern. Die Möglichkeit jederzeit handeln zu können fördert eher die kurzfristige Aktienspekulation als den Fokus auf die Fundamentaldaten eines Unternehmens. Wenn ein Anlageentscheid aber nicht die Folge eines Denkprozesses, sondern nur noch eine Reaktion auf jüngste Nachrichten oder Kursentwicklungen ist, dann ist es kein Anlageentscheid mehr. Auch Better Markets, eine gemeinnützige Organisation, die sich für Fairness im Finanzwesen einsetzt, hat zu dem Thema eine dezidierte Meinung: „…der ausserbörsliche Aktienhandel ist bereits „ein riskantes Glücksspiel“. Und es liegt in der menschlichen Natur, dass riskante Glücksspiele nachts besonders beliebt sind. Was wäre also die Folge, wenn das zunehmend gamifizierte „Glücksspiel Börse“ 24 Stunden am Tag verfügbar wäre? …es bedarf nicht viel Vorstellungskraft. Im Jahr 2018 hat der Oberste Gerichtshof Sportwetten legalisiert. Die Spielsucht im Sport entwickelt sich nun zu einer nationalen Epidemie, die mit der Opioid-Krise konkurriert.“ Wie die Erfahrung zeigt, dürften Disclaimer, die über das erhöhte Risiko des Handels zur nächtlichen Stunde aufklären, allein nicht genügen, um gelangweilte Anleger von der Versuchung spontaner Aktientransaktionen abzuhalten.
Hinreichend belegt ist indes, dass es für Privatanleger eigentlich nicht hilfreich ist, wenn sie mehr Zeit zum Handeln haben. Gerade für den amerikanischen Aktienmarkt gibt es dafür umfangreiches Datenmaterial. So zeigt eine Studie1 aus dem vergangenen Jahr, dass Anleger, die westlich von einer Zeitzonengrenze wohnen, 2.9% höhere Kapitalertragssteuern zahlen als ihre Nachbarn in der östlich angrenzenden Zeitzone. Die Ursache für die beträchtliche Outperformance der „westlichen“ Anleger: Der Börsenschluss in New York ist für sie eine Stunde früher (für Anleger an der Westküste sogar bereits um 13h00). Weil das Zeitfenster für den Aktienhandel innerhalb normaler Büro- bzw. Wachzeiten für sie kleiner ist, handeln sie auch seltener als „östliche“ Anleger. Zudem sind sie weniger in Einzelaktien, dafür mehr in Aktienfonds investiert. Dass die Möglichkeit zum Handeln der Anlegerperformance eher schadet, zeigt auch eine Analyse von Morningstar. Demnach war die kapitalgewichtete Rendite von US-Anlagefonds und -ETFs in jedem der letzten zehn Jahre tiefer als die „Buy-and-hold“-Rendite der zugrundeliegenden Indizes. Die Lücke zwischen der Anlegerrendite (dem durchschnittlich investierten US-Dollar) und der Indexrendite war insbesondere bei einzelnen Aktiensektoren – einer Spielwiese vieler Privatanleger – besonders hoch (2024: 2.6%).
Mind the gap | „Buy and hold” schlägt „Do it yourself”
Total return vs investor return (2004-2023)
Quellen: Morningstar, Kaiser Partner Privatbank
…und Handelspausen nutzen
Die Ursache für die teils beträchtliche Performancelücke sind Gier und Angst der Anleger – und impulsives, wenig überlegtes Handeln. Es führt regelmässig dazu, dass zu hohen Kursen gekauft und zu tiefen Kursen wieder verkauft wird. Dass besser agiert, wer sich mehr Zeit für seine Entscheidungen nimmt, bestätigt eine Untersuchung2 der Georgetown University. Demnach haben Anleger, die ihre Unternehmensrecherche am Wochenende betreiben, eine bessere Nase für gute Aktien als jene, die dies unter der Woche tun. Aktien aus dem S&P 500 Index, die an Wochenenden ein höheres Google-Suchvolumen aufweisen als an vergangenen Wochenenden oder im Vergleich zu anderen Unternehmen, haben in der Regel eine bessere Kursentwicklung. Der besonnene und wohlüberlegte „Sonntags-Anleger“ agiert also erfolgreicher als der „Montags-Anleger“. Wem die Besonnenheit fehlt, der kann den Verlockungen des ständigen Handels auch auf eine andere Weise entkommen. Die beste Art sich gegen „Overtrading“ zu schützen ist es, gar nicht erst die Möglichkeit für den sofortigen Handel zu haben. Dies lässt sich umsetzen, indem man beispielsweise eine höhere Quote seines Vermögens zu Privatmarktanlagen alloziert. Diese sind in Form von semi-liquiden Evergreen-Fonds heutzutage zwar handelbar (im Gegensatz zu traditionellen geschlossenen Fonds mit einer Laufzeit von 10+ Jahren). Allerdings sind sie illiquide genug, damit spontane Transaktionen nicht möglich sind.
Handelspausen sind allerdings nicht nur für Privatanleger von Nutzen. Die bisher weitgehend handelsfreien Nächte und vor allem das Wochenende waren in der Vergangenheit regelmässig auch die Zeit, in der Politiker Notfallpläne ausgearbeitet haben. So versuchten US-Präsident Barack Obama und seine Wirtschaftsberater in der Finanzkrise 2008 stets vor dem Ertönen der Börsenglocke um 9h30 New Yorker Zeit neue Lösungen zu präsentieren. Auch die Pleite von Lehman Brothers wurde mit gutem Grund vor Montagmorgen kommuniziert – damit die Märkte die schlechten Nachrichten zumindest zum Teil bereits verdauen konnten. In einer Welt des 24/7-Handels würden Krisenakteure noch mehr unter Druck als sonst schon – und nicht unbedingt die wohlüberlegteste Reaktion an den Tag legen.
1 E. deHaan, A. Glover (2024): „Market Access and Retail Investment Performance”
2 J. Li, X. Liu, Q. Ye, F. Zhao, X. Zhao (2023): „It Depends on When You Search“