Stablecoins: Disruptive Stabilität

Kaum eine Branche pflegt ihre Schlagworte so leidenschaftlich wie die Finanzwelt. Erst war es die „Blockchain“, dann „NFTs“ und heute spricht selbst der US-Finanzminister Scott Bessent über „Stablecoins“. Was nur nach einem weiteren Schlagwort klingt, beschreibt inzwischen eine Entwicklung, die mit einem Marktvolumen von über 200 Milliarden Dollar und einem jährlichen Transaktionsvolumen von mehr als 27 Billionen Dollar – mehr als Visa und Mastercard zusammen – längst keine Randnotiz mehr ist. Während Bitcoin als strahlender Star Schlagzeilen mit neuen Allzeithochs schreibt, wirken Stablecoins auf den ersten Blick unscheinbar. Doch genau darin liegt ihre Sprengkraft: Sie sind nicht das grelle Feuerwerk der Krypto-Welt, sondern das Fundament, auf das sich das Geldsystem der Zukunft verschieben könnte.

 

Was verbirgt sich hinter Stablecoins…

Stablecoins sind digitale Token, die den Wert klassischer Währungen nachbilden, meist den US-Dollar. Anders als volatile Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether sollen sie nicht schwanken, sondern stabil bleiben. Erreicht wird dies auf unterschiedliche Weise: Die gängigste Variante ist die fiat-besicherte Form, bei der jeder ausgegebene Token durch Bargeld oder kurzlaufende Staatsanleihen gedeckt ist. Beispiele hierfür sind Tether (USDT) und der USD Coin (USDC) von Circle. Daneben gibt es krypto-besicherte Stablecoins wie DAI, die durch Überbesicherung mit anderen Kryptowährungen Stabilität schaffen wollen. Eine weitere Kategorie sind rohstoffgestützte Stablecoins, die wie beispielsweise PAXG an Vermögenswerte wie Gold gebunden sind und damit zusätzlich als Wertaufbewahrung dienen. Und schliesslich existieren algorithmische Modelle, die durch ein Regelwerk von Angebot und Nachfrage ohne echte Reserven auskommen sollten. Spätestens seit dem dramatischen Zusammenbruch von TerraUSD im Jahr 2022 gelten diese Modelle als sehr risikobehaftet und weitgehend gescheitert.

 

To the moon? | Nicht alle Kryptowährungen leben von Volatilität

Kursentwicklung von Stablecoins, Bitcoin und Ethereum, indexiert

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Das Versprechen aber ist stets dasselbe: Stabilität kombiniert mit den Vorteilen der Blockchain. Zahlungen rund um die Uhr, weltweit, in Sekunden und zu minimalen Kosten. Zudem lassen sich Stablecoins programmieren – Verträge können direkt im Code Zahlungen auslösen, Sicherheiten automatisch verschieben oder Gelder sperren, bis Bedingungen erfüllt sind. Die Idee: Ein Finanzinstrument, das Stabilität und Innovation gleichermassen vereint.

 

Nomen est omen? | Der Name ist (meist) Programm

Kursentwicklung von Tether und USD Coin gegenüber US-Dollar

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

… und wie stabil sind sie wirklich?

Die Stabilität der beiden dominanten Stablecoins USDC und Tether basiert auf der festen Bindung an den US-Dollar. USDC überzeugt durch seine transparente Reservehaltung und regelmässige, unabhängige Prüfungen, was ihm branchenweit den Ruf als „sicherster Stablecoin“ eingebracht hat. Die Einhaltung internationaler Vorschriften (MiCA in Europa, GENIUS Act in den USA) sorgt für regulatorische Klarheit und Vertrauen, insbesondere bei institutionellen Nutzern. Jedoch zeigt ein kritischer Blick auf die Stabilität von USDC und Tether, dass der versprochene 1:1 Kurs zum US-Dollar keineswegs garantiert ist. Besonders deutlich wurde dies im März 2023, als die Insolvenz der Silicon Valley Bank (SVB) dazu führte, dass USDC zeitweise bis auf 0.87 US-Dollar fiel und erst nach Tagen wieder den ursprünglichen Wert erreichte. Tether hatte in der Vergangenheit ebenfalls Phasen, in denen der Kurs auf bis zu 0.96 US-Dollar absackte, beispielsweise während regulatorischer Unsicherheiten oder bei Marktturbulenzen rund um Kryptobörsen. Zwar wurde die Bindung zumeist nach kurzer Zeit wiederhergestellt, doch solche Ereignisse zeigen klar: Die vermeintliche Stabilität steht und fällt mit dem Vertrauen in die Emittenten, der Transparenz der Reserven und der Robustheit des traditionellen Bankensystems. Gerade Stresssituationen legen die Verletzlichkeit der Stablecoins offen. Trotz der Versprechen stabiler Kurse bleibt das Vertrauen in Stablecoins damit kein Selbstläufer, sondern muss stets aufs Neue durch Transparenz und solide Governance verdient werden.

 

Duopol | Tether und USDC dominieren den Markt

Transaktionsvolumen per Stablecoin

Quellen: Visa Onchain Analytics Dashboard, Allium, Kaiser Partner Privatbank

 

Disruptivität liegt im Auge des Betrachters

Der im Sommer 2025 verabschiedete GENIUS Act in den USA markiert den Beginn einer neuen Ära für Stablecoins. Erstmals liegt ein umfassendes föderales Regelwerk vor: vollständige Reservehaltung, monatliche Audits, strikte Geldwäschereikontrollen. Für die einen ist das ein Befreiungsschlag, der das Vertrauen in digitale Dollar festigt. Für andere ist es der Beginn einer gefährlichen Liberalisierung privater Währungen. Eines aber ist klar: Mit der gesetzlichen Verankerung in der grössten Volkswirtschaft der Welt sind Stablecoins endgültig im Zentrum des globalen Finanzgesprächs angekommen.

Das neue Gesetz bringt die Banken allerdings ins Schwitzen. Sie dürfen zwar digitale Token ausgeben, aber darauf keine Zinsen zahlen. Krypto-Plattformen hingegen können ihren Sparern weiterhin eigene Prämien anbieten. Das erinnert an einen Trend aus den 1980er-Jahren, als Geldmarktfonds Sparer mit höheren Renditen von den Banken weglockten – und damit das Finanzsystem für immer veränderten. Sollten Stablecoins diese Verschiebung nun in digitaler Form wiederholen, könnten die Folgen ebenso gewaltig sein.

 

Der Krypto-Bro…

„Hör zu, genau das ist der Punkt: Wir erleben gerade ein Déjà-vu der Finanzgeschichte. Wie damals die Geldmarktfonds die Spielregeln verändert haben, werden Stablecoins das heute tun – nur schneller, globaler und technologisch ungleich mächtiger. Stablecoins sind nicht einfach nur ein digitales Zahlungsmittel, sie sind der nächste Evolutionsschritt von Geld. In Ländern wie Argentinien, Nigeria oder der Türkei zeigt sich das längst: Die Menschen dort flüchten nicht mehr in den Dollar-Schein, sondern direkt in digitale Dollar. Weil ihre Währungen zerfallen, weil die Inflation alles auffrisst. Stablecoins sind für sie kein Spielzeug, sondern die einzige Möglichkeit, ihre Ersparnisse zu retten. Und jetzt stell dir vor, was das für Rücküberweisungen bedeutet. Jedes Jahr schicken Migranten Hunderte Milliarden nach Hause, und die klassischen Dienstleister kassieren dafür 7% Gebühren und brauchen Tage, bis das Geld ankommt. Mit Stablecoins? Sekunden. Fast kostenlos. Das ist kein Versprechen, das passiert schon heute. Wer das nicht als echten Durchbruch erkennt, hat nicht verstanden, worum es geht. Aber das ist nur die erste Welle. Mit programmierbaren Token öffnen sich Welten, die wir uns kaum vorstellen können. Künstliche Intelligenzen, die selbständig Finanzentscheidungen treffen. Unternehmen, die ihre gesamte Liquidität automatisch steuern lassen. Systeme, die sich selbst regulieren, ohne dass eine Bank dazwischenfunkt. Und jetzt, mit klaren gesetzlichen Rahmenbedingungen, ist die Bühne bereitet: Die grossen Spieler können endlich mitmachen.

Für mich ist klar: Wir stehen am Anfang eines neuen Geldzeitalters. Wer das heute nicht sieht, wird in ein paar Jahren zurückschauen und sich fragen, warum er nicht dabei war.“

 

Auf der Überholspur | Eines der am schnellsten wachsenden Segmente digitaler Vermögenswerte

Transaktionsvolumen von Stablecoins in Milliarden US-Dollar

Quellen: Visa Onchain Analytics Dashboard, Allium, Kaiser Partner Privatbank

 

… und der traditionelle Anleger

„Wir haben das alles schon einmal gesehen. Private Formen von Geld ohne den Rückhalt einer Zentralbank sind kein neues Phänomen. Im 19. Jahrhundert sprach man in den USA von der Free-Banking-Ära. Das Ergebnis war Instabilität, Bank Runs und letztlich der Verlust des Vertrauens in die Einheit des Geldes. Wer glaubt, dass es diesmal anders ausgeht, verkennt die Geschichte. Damals wie heute ist das Problem dasselbe: Eine Vielzahl von privaten Emittenten, deren Noten oder Tokens zwar denselben Nennwert tragen, in der Praxis aber unterschiedlich bewertet werden – je nach Stabilität der ausgebenden Institution. Genau dieses Muster spiegeln Stablecoins. Ein Dollar ist nicht mehr gleich ein Dollar, sondern nur so viel wert, wie für den jeweiligen Token glaubwürdig hinterlegt ist. Und auch die Fakten von heute sprechen eine klare Sprache. Der Grossteil aller Transaktionen findet nicht im Alltag der Menschen statt, sondern im Handel mit Kryptowerten und in Arbitragegeschäften. Der Nutzen in der realen Wirtschaft bleibt bescheiden. Selbst eine vollständige Deckung garantiert keine Sicherheit.

Für mich sind Stablecoins deshalb kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt. Ein fragiles Konstrukt, das Stabilität verspricht und am Ende nur neue Unsicherheit schafft.“

 

Alltagstauglich (?) | Grossteil aller Transaktionen findet nicht in der Realwirtschaft statt

Stablecoin-Nutzung nach Verwendungszweck

Quellen: Chainalysis, Fireblocks, Econofact, Kaiser Partner Privatbank

 

Goldene Mitte

Wie so oft liegt die Wahrheit zwischen den Extremen. Heute zeigt sich, dass Stablecoins weder Allheilmittel noch blosse Spielerei sind. Sie ergänzen Bargeld oder Bankeinlagen ohne sie vollständig abzulösen. Ihr grösster Wert liegt heute in Nischen, die aber grosses Potenzial bergen. In Schwellenländern, wo klassische Zahlungswege teuer und unzuverlässig sind, schaffen sie echte Alternativen. Für Unternehmen eröffnen sie neue Möglichkeiten, grenzüberschreitende Zahlungen effizienter zu steuern und Liquidität über Grenzen hinweg zu managen. In der Vermögensverwaltung werden Stablecoins bereits genutzt, um tokenisierte Vermögenswerte abzuwickeln – eine Branche, die gerade erst entsteht.

Gleichzeitig bleibt ihre Integration in das bestehende System eine Herausforderung. Banken fürchten um ihre Einlagenbasis, wenn Kunden Gelder in Stablecoins verschieben. Regulatoren ringen um internationale Standards, während Staaten sich fragen, ob sie ihre geldpolitische Souveränität gefährden. Und noch ist offen, ob private Anbieter wie Circle oder Tether langfristig dominieren oder ob Banken und Zentralbanken eigene Token einführen, die das Spielfeld neu ordnen.

 

Blick in die Glaskugel

Auch der Blick nach vorne zeigt, dass Stablecoins weit mehr sein könnten als ein kurzfristiger Trend. Sie könnten einer Milliarde Menschen ohne Bankkonto erstmals Zugang zu stabilen Werten geben. Sie machen internationale Zahlungen schneller, günstiger und transparenter. Sie verlängern die Reichweite des US-Dollars, der durch sie noch stärker zur globalen Leitwährung wird. Und sie schaffen eine neue Nachfrage nach US-Staatsanleihen, da jeder neu geschaffene Stablecoin durch hochwertige Sicherheiten gedeckt sein muss.

In diesem Spannungsfeld – zwischen Inklusion und Instabilität, zwischen Innovation und Risiko – wird sich entscheiden, welche Rolle Stablecoins langfristig spielen. Wahrscheinlich ist: Sie werden das Schmiermittel einer neuen Finanzinfrastruktur, leise und unscheinbar, aber mit potenziell gewaltiger Wirkung.

 

Nicola Kollmann Investment Advisor & Sustainability Strategist

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