Themen-ETFs: Megatrend oder Modefalle?

Künstliche Intelligenz, Energiewende, Cybersecurity, Weltraum – in grosse und kleine Trends kann mittlerweile per Mausklick investiert werden. Themen-ETFs bieten Zugang zu Megatrends, ohne sich auf einzelne Aktien fokussieren zu müssen. Die Verpackung ist clever, die Geschichte dahinter emotional und die Diversifikation scheinbar breit. Themen-ETFs versprechen Zugang zu den Gewinnern von morgen. In der Realität kaufen Anleger aber nicht selten die Gewinner von gestern.

 

Vom Trend zum Investmentprodukt

Die Grundidee von Themen-ETFs ist simpel. Sie investieren nicht entlang klassischer Länder- oder Sektorgrenzen, sondern orientieren sich an langfristigen strukturellen Trends. Während ein herkömmlicher Sektor-ETF eine bestehende Branche wie Technologie oder Gesundheit abbildet, versucht ein Themen-ETF eine Zukunftsthese investierbar zu machen. Damit treffen thematische ETFs den Zeitgeist. Denn Anleger denken selten in Indexmethodologien, Marktkapitalisierungen oder Faktorprämien. Sie denken in Geschichten. Ein Arzt versteht die Bedeutung von Krankheitsdiagnostik, ein Informatiker jene von Künstlicher Intelligenz (KI) und ein Veteran jene von Verteidigungsunternehmen. Mit trockener Risikoprämientheorie ist dagegen nur schwer anzukommen.

In den vergangenen Jahren entwickelten sich Themen-ETFs zu einem beachtlichen Markt. Laut einer Analyse von ETFGI waren Ende November 2025 weltweit rund 468 Milliarden US-Dollar in 1’679 Themen-ETFs investiert. Doch die Popularität, die im Sog der Euphorie um Energiewende, Verteidigung, Krypto und zuletzt KI entstand, ist kein Qualitätsnachweis: Die entscheidende Frage ist nicht, ob ein Trend real ist – viele sind es. Entscheidend ist, wer daran verdient und zu welchem Preis Anleger einsteigen.

 

Von der Nische zum Milliardenmarkt | Themen-ETFs sind erwachsen geworden

Verwaltetes Vermögen und Anzahl ETFs

Quellen: ETFGI, Kaiser Partner Privatbank

 

Gute Geschichte, schlechtes Timing?

Die grösste Schwäche vieler Themen-ETFs liegt nicht in den Themen selbst, sondern im Zeitpunkt ihrer Auflage. Ein Anbieter lanciert ein Produkt meist erst dann, wenn eine technologische oder gesellschaftliche Entwicklung genügend Aufmerksamkeit erzeugt hat, um sich verkaufen zu lassen. Bis dahin hat die Börse die meist optimistischen Zukunftserwartungen aber oft schon eingepreist.

Das Muster ist bekannt: Einige Unternehmen profitieren früh, ihre Aktienkurse steigen, Medienberichte nehmen zu und Anlegerinteresse entsteht. Erst dann folgen die Produkte, die den Trend einem breiten Publikum zugänglich machen. Themen-ETFs sind deshalb häufig weniger Frühindikatoren als Spätfolgen einer Marktbewegung, die bereits in vollem Gange ist.

Ein aktuelles Beispiel lieferte der Rekord-Börsengang von SpaceX: Im Vorfeld des IPO suchten Anleger fieberhaft nach börsengehandeltem Zugang zur Raumfahrtstory, worauf mehrere Weltraum-ETFs stark an Volumen gewannen oder neu lanciert wurden. Dies illustriert das typische Timing-Problem thematischer Produkte: Der einfache Zugang zu einem Trend entsteht häufig genau dann, wenn er bereits in aller Munde ist.

 

FOMO im Orbit | Space-ETFs profitieren vom SpaceX-Hype

Verwaltetes Vermögen ausgewählter Weltraum-ETFs1 in Milliarden US-Dollar

Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Spät ist nicht automatisch falsch. Einige strukturelle Trends entwickeln sich über Jahrzehnte. Doch auch reale Trends können an der Börse enttäuschen, wenn die Erwartungen bereits zu hoch sind. Saubere Energie, Elektromobilität oder das Internet waren und sind strukturelle Veränderungen. Und doch erzielten viele Anleger in den entsprechenden Hype-Phasen schlechte Renditen.

 

Vom Fondsproblem zum Anlegerproblem

Der Fondsresearch-Anbieter Morningstar weist schon seit Jahren auf diese Problematik hin. Langfristig fällt es vielen thematischen Fonds schwer, mit breiten Aktienindizes mitzuhalten. Zwar können einzelne Themen über gewisse Zeiträume spektakuläre Renditen erzielen. Doch über längere Anlagehorizonte zeigt sich häufig ein anderes Bild: Viele Produkte bleiben hinter globalen Aktien zurück oder verschwinden wieder vom Markt, wenn Anlegerinteresse und Volumen nachlassen. Dies bedeutet nicht, dass alle thematischen Investments zum Scheitern verurteilt sind. Es zeigt aber, dass die Hürde hoch ist – höher, als die eingängige Produktlogik vermuten lässt.

Noch deutlicher wird das Problem beim Blick auf die Rendite-Lücke der Anleger. Sie misst nicht, was ein Fonds auf dem Papier verdient hat, sondern die Differenz zur Rendite, welche Anleger aufgrund ihrer Käufe und Verkäufe tatsächlich realisiert haben. Vereinfacht gesagt zeigt sie, ob Anleger mit ihren Kauf- und Verkaufszeitpunkten besser oder schlechter abgeschnitten haben als der Fonds selbst. Wer erst nach starken Kursanstiegen kauft und im Abschwung verkauft, holt weniger heraus, als die ausgewiesene Fondsrendite vermuten lässt. Gerade bei thematischen Produkten ist diese Lücke oft gross. Morningstar zufolge erzielten thematische Fonds über fünf Jahre bis Juni 2023 eine annualisierte Rendite von 7.3%, während Anleger aufgrund ihrer schlechten Einstiegs- und Ausstiegszeitpunkte nur 2.4% verdienten.

 

Die Timing-Falle | Anleger kommen oft zu spät zur Party

Fondsrendite vs. Anlegerrendite (kapitalgewichtet) über fünf Jahre

Quellen: Morningstar, Kaiser Partner Privatbank

 

Wenn Zukunft bereits eingepreist ist

Das Timing-Problem ist allerdings nur die erste Hürde. Die zweite ist grundsätzlicher: Eine richtige Zukunftsprognose macht noch keine erfolgreiche Investmentstrategie aus. Denn der Kapitalmarkt ist eine Diskontierungsmaschine. Er bewertet nicht die Gegenwart, sondern Zukunftserwartungen. Genau deswegen können sich auch Unternehmen aus boomenden Zukunftsbranchen als Investment-Debakel entpuppen. Wer ein Thema kauft, kauft nicht dessen objektive Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft. Er kauft die Differenz zwischen heutiger Bewertung einerseits sowie künftiger Realität und insbesondere Profitabilität andererseits. Genau hier liegt der häufigste Denkfehler: Anleger verwechseln einen Megatrend mit einem Investment-Case. Ein Megatrend beantwortet die Frage, was in der Welt an Bedeutung gewinnt. Ein Investment-Case beantwortet die Frage, welches Unternehmen daraus profitabel Kapital schlagen kann – und ob der Preis dafür attraktiv ist.

Bei Trends ist also nicht entscheidend, wie gross der Endmarkt wird, sondern welche Unternehmen dauerhaft Preissetzungsmacht und Margen aufrechterhalten können. Die Solarindustrie ist ein Lehrbuchbeispiel dafür. Die installierte Kapazität ist in den vergangenen 15 Jahren massiv gestiegen, doch viele Solaraktien hinkten dem Weltaktienindex hinterher. Denn wo viel Wachstum ist, ist auch viel Konkurrenz. Und wo viele konkurrieren, fallen die Preise und Margen.

 

Wachstum ≠ Rendite | Solarboom ohne Aktienboom

Solaraktien vs. MSCI World und kumulierte installierte Solarkapazität

Quellen: Our World in Data, IRENA, Reuters, Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank

 

Passiv verpackt, aktiv gebaut

Ein dritter Punkt wird oft unterschätzt: Themen-ETFs wirken passiv, sind in ihrer Entstehung aber alles andere als neutral. Die wichtigste aktive Entscheidung findet bereits bei der Definition des Themas statt. Welche Unternehmen fallen unter „KI“? Was ist ein „Space“-Unternehmen? Wie viel des Umsatzes sollte auf das Thema zurückzuführen sein?

Gerade bei eng gefassten oder neuen Themen ist das Investment-Universum oft klein. Anbieter stehen deshalb meist vor zwei Möglichkeiten. Die erste Variante ist ein möglichst reiner Zugang über sogenannte „Pure Plays“. Solche Unternehmen haben zwar einen engen Bezug zum Thema, sind aber häufig klein, unprofitabel, hoch bewertet oder nur in begrenzter Zahl börsennotiert. Das Resultat sind konzentrierte Portfolios mit wenigen Titeln und entsprechend hohen Einzeltitel- und Sektorrisiken.

Die zweite Variante ist ein breiterer Ansatz. Um das Portfolio zu vergrössern, werden auch Unternehmen mit schwachem Bezug zum Thema aufgenommen. Ein Weltraum-ETF kann dadurch Rüstungskonzerne, Satellitenbetreiber, Halbleiterfirmen oder Telekommunikationsunternehmen beinhalten. Das ist nicht falsch, aber es zeigt: Diese Produkte kaufen nicht die reine Idee, sondern eine methodologische Interpretation der Idee.

Für Anleger ist diese Konstruktion entscheidend. Zwei ETFs mit gleichem Namen können gänzlich verschiedene Risiken bergen: Der eine ist stark konzentriert auf wenige Hochwachstumsunternehmen, der andere ähnelt am Ende einem leicht umetikettierten Technologieindex. Der Produktname verrät deshalb oft weniger über das Portfolio, als Anleger vermuten – die Risiken und Nebenwirkungen stehen bestenfalls im Kleingedruckten. Gerade bei eng gefassten Themen sollte zudem nicht vergessen gehen: Auch ein ETF mit einigen Dutzend Titeln kann am Ende ein Sektorkonzentrat sein. Wenn alle Unternehmen vom gleichen Thema getragen werden, fällt deshalb in Krisenzeiten oft nicht nur ein Unternehmen, sondern die ganze Geschichte.

 

Marketing oder Mehrwert?

Themen-ETFs sind auch ein Produkt des Wettbewerbs in der Fondsindustrie. Breite, herkömmliche ETFs auf globale Aktienindizes sind austauschbar und kostengünstig. Die Margen sind gering, die Differenzierung schwierig. Thematische Produkte lassen sich stärker vermarkten und teurer bepreisen. Für Anleger muss das nicht unbedingt ein Ausschlusskriterium sein. Gute Produkte können auch gut vermarktet sein und dürfen etwas kosten. Problematisch wird es erst, wenn das Narrativ stärker ist als die Investmentlogik: Gibt es ein genügend breites Universum, plausible Gewinner, vernünftige Bewertungen, transparente Indexregeln und ein Risikoprofil, das zum bestehenden Portfolio passt?

Gerade dieser letzte Punkt wird gerne unterschätzt. Viele Anleger halten über globale Aktienindizes ohnehin erhebliche Positionen in Nvidia, ASML, Alphabet und weiteren Profiteuren grosser Trends. Ein zusätzlicher KI- oder Digitalisierungs-ETF kann die Diversifikation entsprechend nicht erhöhen, sondern reduzieren. Sinnvoll sind Themen-ETFs daher vor allem als Satellitenpositionen um ein breit diversifiziertes Kernportfolio – nicht als Ersatz dafür. Wer solche Produkte einsetzt, sollte dies zudem bewusst, begrenzt und mit einem längeren Zeithorizont tun.

 

Die Zukunft richtig sehen reicht nicht

Themen-ETFs reflektieren eine Finanzwelt, die aus jeder grossen Veränderung ein investierbares Produkt macht. Das ist grundsätzlich positiv. Kapitalmärkte erfüllen eine wichtige Funktion, indem sie Zukunftserwartungen bündeln und Anlegern Zugang zu strukturellen Entwicklungen ermöglichen. Themen-ETFs können Anlegern zudem helfen, eigene Überzeugungen kontrolliert umzusetzen, statt auf einzelne Modeaktien zu spekulieren. Doch ein gutes Thema muss nicht zwingend ein gutes Investment sein.

Entscheidend ist deshalb nicht nur, ob ein Trend wichtig ist, sondern ob er zu heutigen Preisen, mit diesem Portfolio und eingebettet in die Gesamtallokation attraktiv bleibt. Wer diese Unterscheidung ernst nimmt, wird Themen-ETFs weder aus Prinzip meiden noch blind kaufen. Er wird sie als das sehen, was sie sind: Nützliche, aber anspruchsvolle Werkzeuge. Insbesondere gilt: An der Börse reicht es nicht, die Zukunft richtig einzuschätzen – entscheidend ist, ob sie noch nicht vollständig in den Preisen enthalten ist.

 

1 Tema Space Innovators ETF, FSITC Cathay Aerospace and Satellite ETF, Hanwha ARIRANG iSelect Aerospace & Defense ETF, ARK Space Exploration & Innovation ETF, Gabelli Commercial Aerospace & Defense ETF, VanEck Space Innovators UCITS ETF, SPDR S&P Kensho Final Frontier ETF, Procure Space ETF

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

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