Über Geld und Glück

Mehr Geld = mehr Glück? Ob diese Gleichung aufgeht, muss jeder Mensch letztlich für sich selbst entscheiden. Die neuesten Erkenntnisse der Glücksforschung deuten aber darauf hin, dass dieser Zusammenhang grundsätzlich bis zu sehr hohen Einkommen und Vermögen vorhanden ist. Ein Glücks-Plateau ist hingegen nur bei einem kleinen Teil der Menschen nachweisbar. Eine schlechte Nachricht muss dies aber nicht sein. Vielmehr kann das Wissen um die Wohlstands-Glücks-Korrelation dazu motivieren sich künftig mehr (oder mit mehr Freude) mit der Geldanlage zu beschäftigen.

 

Was ist Glück?

Der Zusammenhang zwischen Geld und Glück beschäftigt die Wissenschaft bereits seit Jahrzehnten. Dabei ist die „Glücksforschung“ weder reine Esoterik noch Hobby von unterbeschäftigten Akademikern. Das interdisziplinäre Forschungsfeld verbindet Psychologie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften sowie Neurowissenschaften und stützt sich auf empirische Studien. Die Erkenntnisse der Forschung haben praktische Konsequenzen – für Politik und Bildung, den Arbeitsmarkt, das Gesundheitswesen und jeden Einzelnen. Doch was ist Geld (im Sinne der Forschung)? Und wie wird Glück definiert?

Als Geld wird in den meisten Studien das Einkommen einer Person betrachtet. Es ist leicht zu messen und wird regelmässig über verschiedene Bevölkerungsgruppen hinweg erfasst. In manchen Untersuchungen ist wiederum das Vermögen (alle finanziellen Ressourcen) Gegenstand der Betrachtung. Das komplexe Konstrukt des Glücks, das in der Forschung oft als „subjektives Wohlbefinden“ definiert wird, hat ebenfalls zwei Dimensionen. Einerseits das emotionale Wohlbefinden, welches sich auf das tägliche Erleben von positiven (Freude, Zufriedenheit) und negativen (Stress, Traurigkeit) Gefühlen bezieht. Andererseits die Lebenszufriedenheit – also die Antwort auf die Frage: „Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben (alles in allem)?“

 

Alte Gewissheiten…

Aufgrund der verschiedenen Definitionen von Geld und Glück ist die Bandbreite an Glücksstudien relativ hoch. Dennoch gelten einige Erkenntnisse als etablierte Gewissheiten. In einer der bekanntesten Studien der Glücksforschung stellte Richard Easterlin bereits 1974 fest, dass reiche Menschen innerhalb einer Gesellschaft zwar glücklicher sind als arme, das aggregierte Glücksniveau der Gesellschaft über die Zeit hinweg trotz steigender Durchschnittseinkommen aber nicht steigt (Easterlin-Paradox)1. Nicht nur das absolute, sondern auch das relative Einkommen (wie viel man im Vergleich zu anderen hat), hat einen Einfluss auf das persönliche Glücksempfinden. Ebenso etabliert ist die Erkenntnis, dass die Lebenszufriedenheit mit steigendem Einkommen zwar zunimmt, die Zuwächse aber stets geringer werden – ein Phänomen, das als „abnehmender Grenznutzen des Einkommens“ bezeichnet wird.

 

…und die Entdeckung des Glücks-Plateaus

Grössere Schlagzeilen machte 2010 eine Studie2 von Daniel Kahnemann (Wirtschafts-Nobelpreis-Gewinner 2002) und Angus Deaton. In ihren Untersuchungen fanden sie nämlich nicht nur einen abnehmenden Grenznutzen beim Einkommen, sondern zudem einen Schwellenwert, ab dem das Glück im Sinne des (täglichen) emotionalen Wohlbefindens nicht mehr weiter ansteigt. Dieses Glück-Plateau identifizierten sie für einen amerikanischen 1-Personen-Haushalt bei 75‘000 US-Dollar pro Jahr. Die Erkenntnis, dass „Geld Glück kaufen kann“, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt, wurde von den Medien teils mit Begeisterung aufgenommen und beeinflusste das Verständnis von Glück in der Wissenschaft.

Noch mehr Futter der gleichen Geschmacksrichtung gab es 2018 mit der Studie von Andrew T. Jebb et al.3. Anhand von Daten der Gallup World Poll, an der 1.7 Millionen Menschen in 164 Ländern teilnahmen, erkannten sie nicht nur ein Plateau beim emotionalen Wohlbefinden, sondern auch bei der generellen Lebenszufriedenheit. Je nach betrachteter Region und Bildung lag dieser Glücks-Höhepunkt zwischen 35‘000 US-Dollar (Lateinamerika/Karibik) und 125‘000 US-Dollar (Australien/Neuseeland) bzw. 70‘000 US-Dollar (niedrige Bildung) und 115‘000 US-Dollar (hohe Bildung). Zudem war das maximale Glück bei Frauen etwas höher als bei Männern (100‘000 vs. 90‘000 US-Dollar). Der globale Durchschnitt für das Glücks-Maximum bei der Lebenszufriedenheit wurde mit 95‘000 US-Dollar berechnet. Überdies machten die Forscher eine weitere Feststellung: In einigen Regionen sank das Wohlbefinden bei sehr hohen Einkommen (über den identifizierten Plateaus). Die Erklärung dieser Beobachtung vermuteten Jebb et al. in erhöhten Erwartungen, mehr Stress oder sozialen Vergleichen, die mit einem hohen Einkommen einhergehen. Viel Geld macht unglücklich – wer wollte konnte die häufig zitierte und (scheinbar) breit abgestützte Studie von 2018 auch so interpretieren. In jedem Fall passt sie in eine Zeit, in der sich viele Menschen über ihre Work-Life-Balance Gedanken machen und für immer mehr zu gelten scheint, dass „Geld nicht alles“ ist.

 

Also doch: mehr Geld, mehr Glück

So interessant die Idee eines Glücks-Plateaus auch anmutete – gewisse Zweifel ob der These von den „unzufriedenen Reichen“ dürften zumindest bei einigen Rezipienten der damaligen Studie bestanden haben. Für die Auflösung so mancher zu vermutender kognitiver Dissonanz sorgte spätestens Matthew A. Killingsworth, Senior Fellow an der Wharton School (University of Pennsylvania) und wohl einer der aktivsten Glücksforscher der letzten Jahre. In seinem 2021 erschienenen Aufsatz „Experienced well-being rises with income, even above $75,000 per year“ stellte er fest, dass sowohl das tägliche Wohlbefinden als auch die generelle Lebenszufriedenheit bis zu einem Einkommen von (mindestens) einer halben Million US-Dollar pro Jahr stetig zunimmt. Dabei bestätigte er das Ergebnis früherer Untersuchungen, demnach der Zusammenhang zwischen Geld und Glück logarithmischer Natur ist. (So ist beispielsweise die Differenz des emotionalen Wohlbefindens bzw. der Lebenszufriedenheit zwischen Einkommen von 20‘000 und 60‘000 US-Dollar in etwa gleich gross wie zwischen Einkommen von 60‘000 und 180‘000 US-Dollar).

Gleichzeitig deckte Killingsworth gewisse Schwächen der oben genannten Untersuchungen von 2010 und 2018 auf. Demnach waren die dort beobachteten Glücks-Plateaus die Folge eines nicht zweckgerechten Studiendesigns. So wurden die Einkommensgruppen in den älteren Studien in sehr grobe Bandbreiten eingeteilt (z.B. 60‘000-90‘000 US-Dollar) und alle Einkommen über 120‘000 US-Dollar in eine einzige Gruppe zusammengefasst. Problematisch war auch, dass das emotionale Wohlbefinden nicht auf einer kontinuierlichen Skala, sondern nur in „gut“ oder „schlecht“ unterschieden wurde. Schliesslich erkannte Killingsworth ein weiteres Problem: Die alten Studien untersuchten letztlich den Zusammenhang zwischen Geld und erinnerten Gefühlen (diese wurden im Nachhinein abgefragt), nicht aber den Emotionen in Echtzeit. Für seine eigene Untersuchung nutzte er daher eine Smartphone-App, welche die Studienteilnehmer spontan anpingte, um sie nach ihrem aktuellen Befinden zu befragen. Um die anderen Designfehler zu beheben, erhob er sehr granulare Einkommensdaten, bezog auch Hochverdiener (bis 500‘000 US-Dollar) mit ein und fragte den emotionalen Status auf einer fortlaufenden Skala ab.

Über die Frage warum die Korrelation zwischen Einkommen und Wohlbefinden überhaupt besteht, möchte indes auch Killingsworth nur spekulieren. Zumindest gut nachvollziehbar ist seine Vermutung, dass es bei Menschen mit geringerem Einkommen Quellen des Unbehagens gibt, die sich mit Geld beheben lassen. Ebenso auf der Hand liegt die Annahme, dass höherer Wohlstand gleichbedeutend ist mit höherer finanzieller Sicherheit (und weniger finanziellen Sorgen). Und auch eine letzte Erkenntnis deckt sich mit dem, was man in der Realität beobachten kann: Der Zusammenhang zwischen Geld und Glück ist nicht für alle Menschen gleich stark.

Dem letzten Punkt ging Killingsworth 2022 nochmals genauer auf den Grund. In einer „Adversarial Collaboration“ mit Kahnemann4, der 2010 erstmals ein Glücks-Plateau beobachtete, machte er eine Entdeckung, welche seine bisherigen Ergebnisse noch weiter ausdifferenziert und die Idee eines Glücks-Höhepunkts zumindest teilweise rehabilitiert. Die Erkenntnis, gleichzeitig aktuellster Stand der Glücksforschung: Für die „unglücklichsten“ Menschen gibt es tatsächlich eine Art Glücks-Maximum, ab dem ein höheres Einkommen (fast) kein zusätzliches Glick bringt. Für die „glücklichsten“ Menschen verhält es sich genau andersherum – bei ihnen beschleunigt sich das Glück mit mehr Einkommen sogar.

 

Ein offensichtlicher Zusammenhang… | …aber nicht zwingend Kausalität

Jahreseinkommen und Lebenszufriedenheit

Quellen: Killingsworth, M. A. (2024). Money and Happiness: Extended Evidence Against Satiation. Happiness Science., Kaiser Partner Privatbank

 

Die Zufriedenheit der Vermögenden

Trotz aller Erkenntnis – eine Frage lasse all die bisher diskutierten Studien noch immer unbeantwortet: Wie glücklich sind eigentlich die sehr Vermögenden, bei denen sich die finanziellen Ressourcen auf deutlich 7- oder gar 8-stellige Beträge belaufen? Auch dieser Frage hat sich Matthew A. Killingsworth in diesem Jahr gewidmet. Als Herausforderung stellte sich dabei allerdings die dünne Datenlage heraus. (Zitat Killingsworth: „Vielleicht sind reiche Menschen nicht geneigt, ihre Freizeit mit Umfragen zu verbringen“). Zwei Referenzpunkte, welche die bisherige Forschung (bis zu einem jährlichen Einkommen von 500‘000 US-Dollar) um das obere Spektrum erweitern, fand er aber doch. Zum einen eine neuere Studie von Donelly et al.5 mit mehr als 2‘000 Teilnehmern, in der die Median-Gruppe ein Vermögen zwischen 3 und 7.9 Millionen US-Dollar besass. Zum anderen eine einflussreiche aber kleinere Studie6, an der knapp 50 Vermögende der 1983er Forbes-400-Liste teilnahmen. Beide Untersuchungen definieren Glück als Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 1 bis 7 und sind kompatibel mit der von Killingsworth angewandten Methodik. Das Ergebnis der Analyse lässt sich anschaulich darstellen: Die sehr vermögenden Personen sind noch deutlich glücklicher (zufriedener) als die bestverdienende Einkommensgruppe. Dies lässt vermuten, dass die (steigende) Beziehung zwischen Geld und Glücklichkeit weit über Einkommen von mehreren Hunderttausenden von Dollar pro Jahr hinausgeht. Eindrücklich dabei auch: Der Unterschied zwischen den Gutverdienern und den beiden vermögenden Stichproben ist statistisch signifikant (sichtbar an den sich nicht überscheidenden 95%-Konfidenzintervallen).

 

Positive Interpretation

Welche Schlussfolgerungen kann man aus den neuesten Erkenntnissen der Glücksforschung ziehen? Man könnte versucht sein die konstante Beziehung zwischen mehr Geld und mehr Glück als schlechte Nachricht zu betrachten. Möglicherweise würde es das Leben einfacher machen, wenn sich das Glück auf einem bescheidenen Wohlstandsniveau einpendelte. Dann könnte jedermann und jederfrau seine Aufmerksamkeit rational auf andere Dinge als Geld richten, sobald er oder sie „genug“ hat. Allerdings würde die Existenz eines Glücks-Plateaus auch bedeuten, dass sich Menschen keine Dinge vorstellen können, die ihr Wohlbefinden verbessern und/oder ihnen Gesellschaft und Wirtschaft ebendiese Dinge nicht liefern können. In einer solchen Welt leben wir offensichtlich – und vielleicht zum Glück – nicht. Nicht für alle Menschen, aber doch für viele, trägt Geld – neben vielen anderen Dingen – zum Lebensglück bei. Diese Erkenntnis hilft möglicherweise dabei seine Beziehung zum Thema Geldanlage zu überdenken. Man tut damit nicht nur etwas für die Zahlen auf dem Vermögenskonto, sondern auch etwas für sein Wohlbefinden.

 

1 R. Easterlin (1974): „Does economic growth improve the human lot? Some empirical evidence“

2 D. Kahnemann, A. Deaton (2010): „High income improves evaluation of life but not emotional well-being”

3 A. T. Jebb, L. Tay, E. Diener, S. Oishi (2018): „Happiness, income satiation and turning points around the world“

4 M. A. Killingsworth, D. Kahnemann, B. Mellers (2022): „Income and emotional well-being: A conflict resolved”

5 G. E. Donnelly, T. Zheng, E. Haisley, M. I. Norton (2018): „The amount and source of millionaires’ wealth (moderately) predict their happiness“

6 E. Diener, J. Horwitz, R. A. Emmons (1985): „Happiness of the very wealthy“

 

Oliver Hackel, CFA Head of Private Markets & Liquid Alternatives

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