IWF-Weltwirtschaftsausblick: Das Glas ist halbleer
Der neueste „World Economic Outlook” des Internationalen Währungsfonds (IWF) skizziert eine steinige Konjunkturerholung mit überwiegenden Abwärtsrisiken. Zu diesen zählt auch die zunehmende Fragmentierung der Weltwirtschaft in geopolitische Blöcke. Der Trend hin zu vermehrtem „Friend- und Nearshoring“ ist inzwischen Tatsache und dürfte Wachstum kosten. Eine einfache Lösung für die Problematik hat auch der IWF nicht.
Der mahnende Zeigefinger des Währungsfonds
Am diesjährigen Frühlingstreffen blieb sich der IWF seiner traditionellen Rolle als Warner und Mahner treu. Im neuen Weltwirtschaftsausblick wollte der Währungsfonds weder zu stark auf die Anzeichen des leicht verbesserten Makroumfelds hinweisen noch die nächste Finanzkrise prognostizieren. Im Sweet-Spot zwischen diesen beiden Polen skizzierte er eine steinige Konjunkturerholung, bei der die Abwärtsrisiken weiterhin überwiegen. Der mahnende IWF-Zeigefinger fordert von den Notenbanken eine stetige, aber zugleich flexible und klar kommunizierte Geldpolitik, welche die Fehler aus der Vergangenheit (eine zu frühe Lockerung, sprich Zinssenkungen) nicht wiederholt. An die Staaten wurde derweil die Botschaft gesandt, angesichts steigender Defizite und Schulden künftig weniger auf Konjunkturspritzen zu setzen und die Schuldennachhaltigkeit im Blick zu behalten. Nicht fehlen durfte schliesslich auch diesmal die Forderung, die Erderwärmung aufzuhalten und die grüne Wende zu beschleunigen.
Auf dem absteigenden Ast | Wachstumspotential wird seit Jahren nach unten revidiert
Globale 5-Jahres-Wachstumsprognosen des IWF, historische Entwicklung
Quellen: Internationaler Währungsfonds, Kaiser Partner Privatbank
Globales Wachstum – auch nicht mehr das, was es einmal war
Eine ernüchternde Erkenntnis des jüngsten „World Economic Outlook“ war auch die Feststellung, dass die Weltwirtschaft nicht mehr zu den Vor-Pandemie-Wachstumsraten zurückkehren wird. Mit einem erwarteten Weltwirtschaftswachstum von nur noch 3% für das Jahr 2028 ist die Langfristprognose des IWF diesmal so niedrig wie nie zuvor (Anmerkung: seit 1990 macht der IWF halbjährliche Wachstumsprognosen). Seit einem Hoch von 4.9% im Jahr 2008 wurde das globale Wachstumspotential stetig nach unten revidiert. Die vom Währungsfonds identifizierten Ursachen für diesen scheinbar irreversiblen Trend sind einleuchtend: Aufstrebende Volkswirtschaften wie China und Südkorea haben einen höheren Lebensstandard erreicht und können auf dem neuen Niveau nicht mehr mit den hohen Raten der Vergangenheit wachsen. Zugleich verlangsamt sich das Wachstum der arbeitenden Bevölkerung, in vielen Industrie- und einigen Schwellenländern nimmt diese gar bereits ab. Der eingetrübte Ausblick – insbesondere für ehemalige Wachstumsstützen wie China – bringt viele Herausforderungen mit sich. Unter anderem wird es für ärmere Entwicklungs- und Schwellenländer künftig noch schwieriger die Wohlstandsleiter nach oben zu klettern.
De-Globalisierung als Grafik (1) | Immer mehr Handelshemmnisse
Anzahl an verhängten Handelsbeschränkungen
Quellen: Internationaler Währungsfonds, Kaiser Partner Privatbank
De-Globalisierung ist nicht (mehr) zu leugnen
Als einen weiteren Grund für den diesmal besonders schwachen Wachstumsausblick sehen die IWF-Analysten die zunehmende geoökonomische Fragmentierung der Welt. Dieser Thematik widmet der April-Bericht des Währungsfonds ein eigenes Kapitel – und liefert entsprechend viele Fakten. Demnach ist die Globalisierung seit einem Höhepunkt 2008 schon seit mehr als einer Dekade auf dem Rückzug. Die stetig steigende Anzahl an nicht-tarifären Handelshemmnissen widerspiegelt dies. Eine nochmalige Akzentuierung des De-Globalisierungstrends ist seit 2018 infolge des verschärften Handelskriegs zwischen den USA und China zu beobachten. Seit rund fünf Jahren stellt die IWF-Analyse auch eine Verschiebung der globalen Investitionsströme fest. Asien (und vor allem China) verzeichnen seitdem eine Abnahme an ausländischen Direktinvestitionen – insbesondere in strategisch wichtigen Sektoren. Die Aufspaltung der globalen Kapitalströme in geopolitisch alignierte Blöcke könnte gemäss Simulation des IWF bis zu 2% an globalem Wachstum kosten. Dabei wären die Verluste ungleich verteilt: Während die Wirtschaftsleistung der USA nur eine Einbusse von 1% verzeichnet, läge der „Preis“ für besonders von Handel und Investitionen abhängigen Ländern bei bis zu 6%. Einmal mehr würden mehrheitlich Entwicklungs- und Schwellenländer betroffen sein.
De-Globalisierung als Grafik (2) | China verliert an Attraktivität
Anzahl an ausländischen Direktinvestitionen, Jahresdurchschnitt
Quellen: Internationaler Währungsfonds, Kaiser Partner Privatbank
Keine einfache Lösung zur Hand
Eine (einfache) Lösung des Problems hat allerdings auch der Internationale Währungsfonds nicht anzubieten. Er fordert eine koordinierte, gemeinsame Antwort der Welt und sieht einen Hebel in der Stärkung des multilateralen Handelssystems. Unter anderem sollten WTO-Regeln in kritischen Bereichen wie Agrar- und Industriesubventionen verbessert werden und das WTO-Streitbeilegungsverfahren vollständig wiederhergestellt werden. Zu schön, um wahr zu sein? Dass die sich zunehmend verfeindet gegenüberstehenden Blöcke unter Führung der Gegenspieler USA und China demnächst wieder auf Annäherungskurs gehen werden, ist aus unserer Sicht zumindest sehr unwahrscheinlich.
Kritisch eingestellt ist derweil auch der IWF – und zwar gegenüber dem Phänomen des „Friend-Shoring“. Zwar verringert das Verlegen der Produktion in nahe und „befreundete“ Länder (oder zurück in die Heimat) das politische Risiko und bewahrt möglicherweise einen technologischen Vorsprung. Allerdings könnte es in vielen Fällen die Diversifikation von Material- und Rohstoffquellen reduzieren und damit die Anfälligkeit für wirtschaftliche Schocks erhöhen. Zudem führe dieses „Hedging“ zu Effizienzverlusten und letztlich zu höheren Preisen. Dennoch scheint auch dieser Trend so schnell nicht mehr umzukehren. Gemäss einer Studie von Capgemini von Ende letzten Jahres hat mehr als die Hälfte aller global tätigen Unternehmen in den letzten zwei Jahren bereits die Produktion reorganisiert. Und drei Viertel der Unternehmen plant weitere Verschiebungen.
De-Globalisierung als Grafik (3) | „Re-Shoring“ ist das Wort der Stunde
Anzahl der Nennung von Re-Shoring, Friend-Shoring oder Near-Shoring in der Gewinnberichterstattung von Unternehmen
Quellen: Internationaler Währungsfonds, Kaiser Partner Privatbank