Nicht Anlegen ist nicht kostenlos
Nichts ist ohne Risiken – auch das Geldanlegen nicht. Wer sein Vermögen angesichts dessen lieber unter die Matratze steckt, geht allerdings ein anderes Risiko ein: den schleichenden Wertverlust des Bargelds. Wer seine Kaufkraft erhalten möchte, kommt am Investieren (in Aktien) nicht vorbei. Doch auch dies hat seine Tücken. Der Zugang zu Fachexperten und zu einer sophistizierten Produktpalette kann dabei helfen, Fallstricken aus dem Weg zu gehen und das Anlagevermögen real zu steigern.
Beim Thema Geld ist nichts ohne Risiko
„Your capital is at risk“ – dieser Hinweis gehört wie andere Warnungen zum Standardrepertoire der Finanzbranche. Allerdings ist er derart Standard, dass man ihn nur allzu gerne wegklickt oder überblättert und er seine eigentliche Absicht verfehlt – den (potentiellen) Anleger über das Verlustrisiko bei der Geldanlage aufzuklären. Die britische Finanzaufsicht (FCA) bezeichnete den kleingedruckten Risikoalarm in einem Researchbericht im Januar 2022 daher als „white noise“. Tatsächlich waren sich 45% der „Do-it-yourself“-Anleger in der FCA-Studie nicht bewusst, dass der Verlust des eingesetzten Geldes ein mögliches Risiko ist. In Experimenten zeigte die Finanzaufsicht, dass „lautere“ Risikowarnungen – beispielsweise mit fettgedrucktem Text und rotem Hintergrund – wirksamer wären, als es die bisherigen Standard-Disclaimer sind. Anleger sollten sich aber weder von künftig noch prominenteren Warnhinweisen noch von einer ausführlicheren Online-Risikoaufklärung vom Investieren abhalten lassen. Denn wer sein Vermögen aus Angst vor zu viel „Risiko“ lieber auf dem Bankkonto liegen lässt, der sollte nicht vergessen, dass auch dieses sprichwörtliche Den-Sparstrumpf-unters-Kopfkissen-Stecken ein Risiko hat. Das Risiko des Kaufkraftverlusts. Aufgrund der Inflation verliert (Bar)Geld nämlich jedes Jahr an Wert. Selbst bei einer Inflation von nur 2% pro Jahr – ein Regime, das viele Notenbanken als Geldwertstabilität bezeichnen – wird der Gegenwert, den man sich für eine Geldeinheit kaufen kann, mit den Jahren beträchtlich kleiner. So hat auch der Schweizer Franken als weltweit wertstabilste Währung der letzten Jahrzehnte seit 1970 gut zwei Drittel an Kaufkraft eingebüsst. Aktuell haben die meisten Notenbanken ihr Inflationsziel allerdings noch gar nicht erreicht. Trifft man die – zugebenerweise etwas übertrieben pessimistische – Annahme, dass die Inflation zukünftig so hoch bleibt wie im Schnitt der vergangenen 12 Monate, dann verliert der US-Dollar bis zum Jahr 2050 nochmals circa -85% an Wert, der Euro (gemessen an der deutschen Inflation) rund -90% und das britische Pfund sogar -95%.
Der Sparstrumpf ist nicht risikolos | Nicht anlegen kostet Geld
Historie: Kaufkraft von 1 Franken (US-Dollar, Pfund, Yen, Euro) seit 1970
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Der Zinseszinseffekt… | …zu Ungunsten des Sparschwein-Sparers
Szenario: Kaufkraft von 1 Franken (US-Dollar, Pfund, Yen, Euro) bis 2050, auf Basis der durchschnittlichen Inflation der letzten 12 Monate (in Klammern)
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Eine andere Art der Risikowarnung sollten Anleger daher ebenso berücksichtigen: Not investing is risky. Wer sein Vermögen vor realem Wertverlust schützen möchte, muss dieses also anlegen. Den besten (und zugleich leicht zugänglichen) Schutz gegen Kaufkraftverlust stellen dabei Unternehmensbeteiligungen in Form von Aktien dar. Kurzfristig kann deren Performance zwar mitunter sehr volatil sein – je länger der Anlagehorizont, desto robuster wird aber ihre Rendite. Und desto wahrscheinlicher ist es, dass sie besser abschneiden als klassische Alternativen wie Anleihen oder Gold. Dank Zinseszinseffekt – laut Albert Einstein dem achten Weltwunder – kann man mit Aktieninvestitionen nicht nur die Kaufkraft seines Vermögens bewahren, sondern es auch inflationsbereinigt ansehnlich steigern. Dass Aktien mehr Rendite abwerfen sollten als der risikofreie Zins oder Anleihen gehört zum Einmaleins des Börsenwissens und ist Grundlage der strategischen Asset Allocation für Abermilliarden an verwaltetem Vermögen weltweit. Die richtige Aktienauswahl ist dabei allerdings wichtiger als man vielleicht meinen sollte.
Buy and hold (& Schlaftablette) | Aktien rentieren langfristig am meisten
Kumulierte Performance, Beispiel USA
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Je länger der Anlagezeitraum… | …desto konstanter das Anlageergebnis
Rollierende Renditen S&P 500
Quellen: Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
(Viel) Spreu und Weizen
Denn zwar geht es am Aktienmarkt langfristig stets aufwärts. Dies gilt aber bei Weitem nicht für alle Aktien, ganz im Gegenteil. Denn viele Dividendenpapiere performen über einen langen Zeithorizont schlechter als kurzfristige (und risikolose) Staatsanleihen oder bringen Verluste ein. Hendrik Bessembinder, Professor an der Arizona State University, hat sich dieser Thematik in mehreren Studien angenommen. In einem Researchpapier1 von 2018 zeigte er auf, dass im Zeitraum von 1926 bis 2016 nur 42.6% aller an den US-Börsen gelisteten Aktien besser abschnitten (inklusive reinvestierter Dividenden) als 1-monatige T-Bills. Mehr als die Hälfte aller Titel vernichtete in der langen Frist gar Aktionärswert. Dass so viele Aktien dem Anleger nicht dabei helfen seine Kaufkraft zu bewahren oder gar ein Totalausfall sind, ist indes kein ausschliesslich amerikanisches Problem – vielmehr ist es ein globales Phänomen. Neueste Zahlen dazu lieferte Bessembinder in einem im März 2023 aktualisierten Arbeitspapier2. Und selbst wenn es einem Anleger gelingt die wertvernichtenden Aktien bei der Auswahl weitgehend links liegen zu lassen, muss das Anlageergebnis noch nicht unbedingt ausreichend befriedigend ausfallen. Zur statistischen Wahrheit gehört nämlich auch, dass nur ein sehr kleiner Anteil der positiv abschneidenden Aktien den Grossteil der Gesamtperformance verantwortet. So waren im Zeitraum von 1990 bis 2020 je nach Aktienmarkt das eine Prozent der bestperformenden Aktien für 34% (Israel) bis 72% (Südkorea) der positiven Wertzuwächse verantwortlich.
Viele Aktien sind schlecht für das Vermögen | Anlegen sollte man trotzdem
Anteil der Aktien mit langfristig negativer Rendite, 1926-2016
Quellen: Bessembinder et al. (2023), Kaiser Partner Privatbank
The winner takes it all | Aktienrenditen sind nicht gleich verteilt
Beitrag der Top-Performer (bestes 1% aller Aktien) zur Gesamtrendite lokaler Aktienmärkte, 1990-2020
Quellen: Bessembinder et al. (2023), Kaiser Partner Privatbank
Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus diesen Zahlen ziehen? Einmal mehr wird klar: Stock-Picking ist schwierig. Es erfordert besondere Expertise und gelingt auf Dauer nur den wenigsten. (Anmerkung: Etwas bessere Erfolgsaussichten hat es in kleineren und meist weniger analysierten Märkten wie dem Schweizer Aktienmarkt). Wer genug Glück oder Geschick hat, kann mit einem konzentrierten Aktienportfolio allerdings auch deutlich überdurchschnittliche Gewinne erzielen. Mit passiven Anlagestrategien, die einen nach Marktkapitalisierung gewichteten Aktienindex abbilden, lässt sich das Stock-Picking-Problem zwar umgehen. Der Anleger ist auf diese Weise bei den Gewinneraktien automatisch zunehmend stärker investiert. Allerdings kann das Anlageergebnis mit dieser Strategie nie „besser als die Benchmark“ sein. Eine andere Möglichkeit bereits frühzeitig bei den Gewinnern der Zukunft dabei zu sein, bieten die Privatmärkte. Wachstumsunternehmen bleiben heute immer länger in privater Hand und gehen meist erst dann an die Börse, wenn ein Grossteil der Wertsteigerung bereits geschehen (und den Risikokapitalgebern zugutegekommen) ist. Die Zeiten, in denen Investitionen in Venture- oder Growth-Kapital nur institutionellen Anlegern vorbehalten war, sind inzwischen jedoch vorbei.
1) Hendrik Bessembinder (2018): “Do Stocks Outperform Teasury Bills?”
2) Hendrik Bessembinder, Te-Feng Chen, Goeun Choi, K.C. John Wei (2023): “Long-term shareholder returns: Evidence from 64’000 global stocks”