«Buy high, sell low» – ein Praxisbeispiel
Die menschliche Psyche spielt uns an den Finanzmärkten ab und an gerne einen Streich. An einem aktuellen Beispiel aus der Praxis zeigen wir, warum der «durchschnittliche Anleger» nur unterdurchschnittliche Erträge erwirtschaftet und was wir daraus lernen können.
Der Dispositionseffekt…
Verluste können Anleger teuer zu stehen kommen – vor allem dann, wenn man sie zu gross werden lässt und nicht rechtzeitig die Notbremse zieht. Denn je höher der Verlust, desto überproportional grösser wird der anschliessend nötige Gewinn, um wieder zum Einstandsniveau zu gelangen. Auch wenn wir dies in der Theorie vielleicht wissen mögen, handeln wir meist anders. In der Hoffnung auf ein Comeback wird an Verlierern oft zu lange festgehalten – im schlimmsten Fall wird dann nahe eines Tiefpunkts verkauft. Gewinne werden hingegen eher früh realisiert, weil sie ein gutes Gefühl geben. Diesem «Dispositionseffekt» ist wohl fast jeder Anleger schon einmal zum Opfer gefallen. Er ist einer der Gründe, warum der «durchschnittliche Anleger» nur unterdurchschnittliche Renditen erwirtschaftet. Wie eine Analyse von Dalbar zeigt, konnte «Joe Average» in den letzten 20 Jahren nur weniger als die Hälfte der Performance für sich verbuchen (2.9% anstatt 7.5%), die eine simple Buy-and-Hold-Strategie im S&P 500-Index eingebracht hätte.
Eine schwache Bilanz
Viele Anleger machen sich das Leben (zu) schwer
Durchschnittliche Rendite über 20 Jahre (2001 – 2020)
Quellen: Dalbar, Kaiser Partner Privatbank
…und andere Macken
Doch es gibt noch mindestens einen weiteren Grund warum viele Anleger underperformen: schlechtes Market-Timing – und zwar beim Einstieg. Wenn es um die Entscheidung für den Kauf einer Aktie oder eines Anlageprodukts geht, dann sehnt sich das Anlegerhirn nach Bestätigung. Diese ist viel eher gegeben, wenn ein Trend bereits im Preischart sichtbar, durch Stories untermauert und von anderen Investoren mitgetragen wird. Die Masse der Anleger springt daher oft erst dann auf den Zug auf, wenn dieser bereits lange abgefahren ist und eine (Investment-)Idee im Mainstream beziehungsweise in der (Boulevard-)Presse angekommen ist. Ein aktuelles, extremes Beispiel aus der Praxis dieser Börsenpsychologie liefert der Rummel um den ARK Innovation ETF und dessen Achterbahnfahrt in den letzten zwei Jahren. Dieser ETF, welcher unter dem Stichwort «innovative Disruption» auf schnell wachsende, aber zumeist unprofitable Wachstumsunternehmen setzt, und seine Fondsmanagerin Catherine Woods haben aufgrund sehr positiver Performance im ersten Corona-Jahr 2020 (+152.5%) nicht nur einige Berühmtheit erlangt, sondern auch das Interesse der Anlegermassen auf sich gezogen. Dies allerdings erst nachdem die «Party» weitgehend gelaufen, sprich die Kurse schon sehr stark gestiegen waren. Das Performance-Gap zwischen dem ARK Innovation ETF (zeitgewichtete Rendite) und der von der Gesamtheit der Anleger unter Berücksichtigung der Zu- und Abflüsse im Schnitt realisierten Erträge (kapitalgewichtete Rendite) ist daher regelrecht extrem und beträgt seit Auflage des Produkts im Herbst 2014 nahezu 20%.
«Mind the gap»
Die Schaufenster-Rendite gab es nur für wenige
Anleger-Performance (kapitalgewichtet) vs. ETF-Performance ARK Innovation
Quellen: Morningstar, Bloomberg, Kaiser Partner Privatbank
Buy high, …
Was ist (für die Anleger) hier falsch gelaufen? Die grosse Differenz zwischen der zeitgewichteten und der kapitalgewichteten Rendite hat einen einfachen Grund: Den Grossteil der Performance generierte die Strategie als noch wenige Anleger investiert waren. Selbst im dritten Jahr nach Lancierung (2017), als der ARK Innovation ETF mit einem Plus von 87.4% das erste Mal eine spektakuläre Performance zeigte, waren im Schnitt nur 116 Millionen US-Dollar im Produkt investiert. Im Jahr 2019 lag das Volumen mit durchschnittlich 1.6 Milliarden US-Dollar dann schon deutlich höher. Rund 90% aller kumulativen Zuflüsse fanden aber erst in den folgenden 18 Monaten statt – bis zum bisherigen Höchststand des verwalteten Vermögens von 25.5 Milliarden US-Dollar im Juni 2021. Die eigentliche «Kaufpanik» ereignete sich wiederum erst im Dezember 2020 und den folgenden Wochen – als die Kurse des ETF bereits ihren Zenit überschritten hatten. Für all jene Anleger welche (zu) spät gekauft haben, dürfte der ARK Innovation ETF bisher weniger ein innovatives, denn vielmehr ein negatives, disruptives Erlebnis gewesen sein.
(Zu) spät zur Party
Die meisten Anleger kauf(t)en auf dem Top
ARK Innovation ETF und monatliche Zu-/Abflüsse
Quellen: Morningstar, Kaiser Partner Privatbank
… sell low (?)
Die Episode des ARK-ETFs ist wohl das bekannteste Beispiel aus jüngerer Zeit für die schlechten Timing-Künste der Anlegermasse. Es ist aber nicht das einzige. So hatten auch andere im Jahr 2020 besonders hoch gehandelte Themen wie zum Beispiel «Clean Energy» einen ähnlich schweren Stand. Was können Anleger daraus lernen?
- Dreistellige Kursgewinne wiederholen sich nicht. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass ein Fonds beziehungsweise (aktiv gemanagter) ETF jahrein, jahraus spektakuläre Renditen erzielen kann. Gewinne von 100% oder mehr sind typischerweise nur mittels konzentrierter Wetten auf einzelne Aktien in den «heissesten» und potentiell überbewerteten Sektoren des Marktes erzielbar. Für gewöhnlich führt dies zu heftigen Verlusten, wenn ein Trend wieder umkehrt und die Bewertungen auf realistischere Niveaus fallen.
- Risiko(tragfähigkeit) ist nicht irrelevant. Es ist unmöglich hohe Renditen zu erwirtschaften ohne entsprechend hohe Risiken einzugehen. Auch hier ist der ARK Innovation ETF ein Extrembeispiel – in nahezu jedem fundamentalen Gesichtspunkt (Konzentration, Momentum, Liquidität, Bewertung, Finanzqualität) zeigt dessen Portfoliozusammensetzung ein sehr hohes Risikolevel. Anleger, die auf einen solchen Schnellzug aufspringen wollen, sollten sich der damit einhergehenden Risiken bewusst sein.
- «Hin und her macht Taschen leer». Für Anleger zahlt es sich in der Regel aus, darauf zu verzichten, den Markt timen zu wollen und anstatt dessen konsequent an einer gewählten Strategie festzuhalten. Wer dies tut, der kann mit Zuversicht erwarten, besser als ein «durchschnittlicher» Anleger abzuscheiden und zumindest mit den breiten Indizes mithalten zu können.
- Satelliten-Strategie und Durchschnittskosteneffekt. Wer dennoch an Anlagethemen partizipieren möchte, der sollte diese mit einem kleineren Budget «spielen» und innerhalb seines Portfolios als spekulative(re) Satelliten neben einem grossen, stabilen Kern betrachten. Hilfreich ist es zudem möglichst früh in einen jungen Trend einzusteigen und eine Satellitenposition schrittweise auszubauen. Auf diesem Weg kann man vom Durchschnittskosteneffekt profitieren und dem Anlegerhirn ein Schnippchen schlagen.